Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Politische Korrektheit oder „Dresden“ Montag, 6. März 2006

Filed under: Deutschland,Film,Medien,Politik — peet @ 17:14 Uhr
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Noch eine Kriegsschnulze im Fernsehen. Sie heißt „Dresden“. Da sie offensichtlich künstlerisch schwach ist, wird sie politisiert. Von Autoren, um das Publikum zu magnetisieren. Von Kritikern, weil es eine nicht zu versäumende Gelegenheit darstellt, ein Trittbrett zu befahren.
Am deutlichsten schafft es Arnulf Baring in der Zeitung „Die Welt“:

Der Film will es allen recht machen. Er ist ein ängstlicher Kompromiß, der den heutigen Stand politischer Korrektheit nie aus den Augen verliert.

Der mutige alte Mann, der oft für einen Historikern gehalten wird ( weil er inzwischen in der Tat alt ist?), erinnert sich an Ereignisse. Er war damals zwölfjährig und meint, es sei anders gewesen. Dass der Film nicht seinen Erinnerungen entspricht, kritisiert er:

Ich kann mich an ein Lazarett erinnern, an dem ich im Morgengrauen des 14. Februar 1945 halb blind vorübertappte. Wir stiegen über Dutzende von Leichen. Und wie steht es zu dieser Zeit mit den Kindern in ihren Faschingskostümen, die am Vorabend in der Stadt unterwegs waren? Niemand wird es in diesem Film erfahren. Wo bleiben überhaupt die vielen, vielen Kinder, von denen Dresden damals voll war? Dresden war im Frühjahr 1945 eine Stadt der Frauen und Kinder. Weshalb vergißt die Generation der Filmemacher wohl heute die Kinder?

Es wird noch schlimmer. Im Film wird gezeigt, dass die Hauptfiguren…

Das Liebespaar überlebt. Auch meiner Tante Ursula gelang es, die Elbwiesen zu erreichen. Mit einer Nachbarin schleppte sie auf einem Sessel meinen Großvater, der bettlägerig war, und bettete ihn unter der Albertbrücke. Auch sie überlebten. Aber mein Großvater starb einige Tage später: Schock und Kummer hatten ihm das Herz gebrochen. Alles, woran er gehangen hatte, war in Flammen aufgegangen. Sogar das von ihm lebenslang mit Liebe betreute Familienarchiv, das er vorausschauend ins Ländliche ausgelagert hatte, war durch eine verirrte Bombe vernichtet worden – Lebenszeugnisse einer bürgerlichen Familie aus fünf Jahrhunderten. Ursula blieb lebenslang unverheiratet.

Unverheiratete Ursula – das Symbol der Kriegsverluste, gibt es etwas Schlimmeres? Bitte nicht weinen. Das ist noch nicht das Schlimmste. Jetzt kommt es:

Meine Schulfreunde und Klassenkameraden hat das große Feuer in alle Winde zerstreut. Wir haben uns nie mehr wiedergesehen. Von zweien aus meiner Klasse weiß ich, daß sie von einstürzenden Mauern erschlagen wurden.

Nachdem der Leser das Maß der Vergleiche (hier der Nazikrieg, da unschuldige Schulfreunde) erkannt hat, merkt man beim aufmerksamen Lesen überall verstreute wirksame Signalzeichen. Der Text ist voll davon:

Da wird im Januar 1945 ein englischer Pilot auf dem Heimflug von Magdeburg, das er gerade gemeinsam mit seinen Kameraden bombardiert hat, abgeschossen. Er, nicht Dresden, ist und bleibt die Hauptfigur des Films.

Auf der großbürgerlichen Verlobungsfeier erscheint unser Pilot (er hat sich inzwischen ein Lazarettbett ergattert, aber auch eine deutsche Uniform nebst Eisernem Kreuz) als strahlender Leutnant. Der Chefarzt bereitet währenddessen die Flucht seiner Familie in die Schweiz vor, wobei er sich der Hilfsdienste eines Mitarbeiters des Gauleiters Mutschmann bedient (dessen Unterschrift ich als Kind täuschend echt nachmachen konnte). Mutschmann ist an Morphium interessiert, das der Chefarzt skandalöserweise hortet, statt den Schwerverwundeten seines Lazaretts bei ihren Operationen Erleichterung zu verschaffen.
Was hätte das Thema dieses Films sein müssen? Der Untergang einer ganzen Welt. Millionenfach sind im Zweiten Weltkrieg in Deutschland bürgerliche Lebenswelten vernichtet worden: Möbel, Bücher und Bilder, Porzellane, Bestecke und alte Uhren, Familienphotos und Briefbündel – all das, was bürgerliche Interieurs ausmacht. Bibliotheken, Archive sind verbrannt, in denen sich städtische Geschichte verdichtete. Wenn uns Deutschland seit dem Kriege so erinnerungsarm und wurzellos erscheint, liegt das auch daran, daß durch die großen Feuer sehr viel ausgelöscht wurde, was uns in den Familien mit den Vorfahren verband.
Es war eine ganz absonderliche Idee, einen englischen Piloten, obendrein mit einer deutschen Mutter, zur zentralen Person dieses Films zu machen. Dabei hätte doch der Untergang Dresdens unbedingt am Beispiel, im Schicksal deutscher Bürger, Dresdner Bewohner verdeutlicht werden müssen. Wollte man hier etwa dem menschenfeindlichen, verbrecherischen Vernichtungswillen der Royal Air Force die Liebe eines Bomberpiloten zu einer jungen Deutschen entgegensetzen. Aber ist das nicht blasphemisch?
Da geht eine Welt, stellvertretend für das Bürgertum ganz Deutschlands, zugrunde, eine Kulturstadt des Barock, eben Elbflorenz, und das wird in Beziehung gesetzt zur Geburt eines deutsch-englischen Kindes! Das unklar Gefühlte, das Verhunzte solch schräger Erwägungen läßt den ganzen Film verrutschen. In einem anderen Film, zugegeben, hätte man auch aus der Geschichte des Piloten etwas Interessantes machen können, zumal jetzt im Sigmund Freud-Jahr: Da greift ein Engländer brutal das Land seiner Mutter an.
Es fällt überhaupt auf, daß die männlichen deutschen Hauptfiguren sämtlich mehr oder weniger problematisch sind. Kein einziger ist so schön und edel wie der Engländer. Glaubt man wirklich, es habe damals keine großartigen, selbstlosen, hilfsbereiten, vorbildlichen Männer unter den Deutschen gegeben? Haben hier deutsches Minderwertigkeitsgefühl, deutscher Selbsthaß, hat der Haß auf die Väter wieder einmal die Feder geführt? Es ist Unsinn, wenn der Produzent glaubt, die Moral in der Zeit des Nationalsozialismus habe gelautet: Jeder gegen jeden und jeder nur für sich selbst. Sind die Autoren vielleicht so kaltschnäuzig wie der Chefarzt, und ist er deshalb ihre Feindfigur?

Und zum Schluss:

Der Film versucht redlich, das Inferno spürbar zu machen. Wie sollte das ein Film, den man bequem im Sessel ansieht, vermitteln können? Man hat es immerhin versucht, und das rührt an. Aber dieser Film ist nicht Dresdens Requiem geworden. Schade.

Wenn man alle typische Merkmale der Geheimsprache der Neuen Rechten genug genossen hat, fragt man sich, was hat solch ein Text bei einer soliden Zeitung zu suchen? Wir erfahren im Text nicht, was Baring unter der „politischen Korrektheit“ versteht, genauso wenig von den Hintergründen des Krieges, der Bombardierung. Dafür dürfen wir uns an der erheiternden Erinnerung an den Gauleiter erfreuen, an den „eigentlichen“ Sinn des Krieges – „Der Untergang einer ganzen Welt“, der durch die Blümchen-Sprache (in dem Fall durch die angeblich Freudsche Sublimierung) so heißt: „Da greift ein Engländer brutal das Land seiner Mutter an“. Usw. usf. Eine unmissverständliche rhetorische Frage darf hier auch nicht fehlen: „Haben hier deutsches Minderwertigkeitsgefühl, deutscher Selbsthaß, hat der Haß auf die Väter wieder einmal die Feder geführt?“

Die Zeitung „Jungle World“ sieht den Film anders. Ivo Bozic prophezeit, dass solche Stimmen wie die des zitierten Baring kommen werden, und erkennt darin zurecht „die deutsche Opferstilisierung“:

Doch wenn das öffentlich-rechtliche ZDF eine Fernsehproduktion in Auftrag gibt, mit dem Anspruch, ein »historisches Ereignis fiktional zu rekonstruieren«, dann muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Und das tritt dann drei Minuten vor Filmende ein: Plötzlich befinden wir uns im Jahr 2005, Horst Köhler erscheint im Bild und erklärt zur Einweihung der Frauenkirche (Gerhard Hauptmann zitierend): »Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens.« Spätestens jedoch bei dieser Schlusseinstellung, in der sich ein Filmdrama so offen zur plumpen Propaganda bekennt. So nötig haben es die Deutschen offenbar.

Wir wollen nicht übertreiben. Noch hat der Film keine Preise ergattert, noch wurden Schüler nicht dazu verdonnert, ihn massenweise zu bewundern. Vielleicht bleibt es bei einem unzufriedenen Baring in der zufriedenen „Welt“?

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One Response to “Politische Korrektheit oder „Dresden“”

  1. agathe Says:

    die letzten drei minuten waren nur das i-tüpfelchen einer rundherum misslungenen, fast dreisten produktion…und dann mit g. hauptmann zu zitieren, der ja nach 45 bekanntermaßen scharf kritisiert wurde ob seiner position im nationalsozialismus…aber ich habe mich schon genug geärgert.
    und wie sie bereits sagten, es besteht hoffnung, dass der film ganz schnell in den archiven der deutschen fernsehanstalten verschwindet.–>


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