Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Mein „Munich“ Sonntag, 19. März 2006

Die breite, sehr widersprüchliche Palette der Meinungen und Wertungen zu dem Film „München“ (2005, im Original Munich) von Stephen Spielberg bietet die Aufgabe an, diese bunte Mischung zu ordnen.

Was fällt auf? Sehr wenige Zuschauer und Kritiker sind mit dem Film zufrieden. Sowohl künstlerische Bewertung als auch die Lesart der politischen Botschaft tendiert eher zu negativen Zahlen, wäre eine Benotung möglich. Spielberg wird beschuldigt, jeweils dem anderen zuzuspielen, dem Gegner der vermeintlichen Partei des Schreibenden. Liegt es an der Materie oder an dem Film selbst?

Ich begrenze mich auf die folgenden Themen: Realitätsnähe, der Umgang mit dem Bösen, Auffassung der Motive der handelnden Personen, Gewichtung der dargestellten Protagonisten.

Realitätsnähe

Das Original beginnt mit der Zeile „Inspired by Real Events”, die deutsche Version sagt zu uns „Nach wahren Begebenheiten“. Den Satz kann man nur doppeldeutig verstehen – einerseits-andererseits. Begebenheiten seien als Inspirationsquelle verarbeitet worden, könnte man zusammenfassen. Das würde bedeuten – Ereignisse seien historisch wahrhaft dargestellt, die Interpretation der menschlichen Gefühle mag wohl vom Autor stammen. Dem ist leider nicht so. Die gezeigte Story ist unterm Strich nicht wahr.
Nicht einmal die Darstellung des Attentats ist wahrhaftig. Sie ist nicht komplett, sondern tendenziös und deswegen verzerrt. Der Vergleich mit zwei Büchern zeigt deutlich, es gibt keine Zweifel. Bei dem Spielberg-Buch von George Jonas geht es um die zum Teil unbestätigte, auf den Gerüchten basierende Zusammenfassung in dem Stil einer Boulevardjournalistik. Beim Buch von Aaron J.Klein dagegen geht es um eine fundierte Recherche. Der prinzipielle Unterschied zwischen dem Film und den genannten Büchern ist allerdings nicht vorlagebedingt, sondern liegt in der Vorauswahl des Materials begründet. Was wird gezeigt und was nicht – das ist entscheidend, beeinflusst die Zuschauer am stärksten. Ich würde nicht so sehr darauf eingehen, dass die Drehorte meist nicht den Originalschauplätzen entsprechen:

Das meiste haben wir auf Malta gedreht, ein wenig auch in New York und Paris.

Der erste Film nach dem Jonas-Buch „Sword of Gideon“ (1986, Regisseur Michael Anderson) wurde nicht in Ungarn gedreht, sondern an den jeweiligen Orten der Geschehnisse, ist aber viel glaubwürdiger nicht deswegen, sondern weil die Intention der Vorlage eins zu eins übernommen wurde. Georg Jonas nahm nicht zu viel auf sich und verzichtete in seinem Buch auf Deutungen der Hintergrundmotive.

Ich würde zum Beispiel heute darauf bestehen, dass der damalige Dialog zwischen den Regierungen Israels und der BRD dargestellt werden sollte – nämlich um zu zeigen, wie es dazu gekommen ist, dass die Deutschen den Vorschlag der Israelis abgelehnt hatten, ein Antiterrorkommando hinzuschicken? Oder warum die Olympische Spiele kaum unterbrochen wurden (sehr klar im Dokumentarfilm „Ein Tag im September“, 1999, Regisseur Kevin Macdonald, gezeigt)? Oder wie es möglich war, drei gefasste Terroristen freipressen zu lassen? Ohne diese Punkte kann man die damalige Reaktion der israelischen Regierung kaum nachvollziehen. Die Darstellung der ersten Angelegenheit Genschers in seinen Erinnerungen

Wir taten keinen Schritt, ohne ihn [den israelischen Botschafter] zu informieren und seinen Rat einzuholen, zumal Israel mit Situationen wie diesen entschieden mehr Erfahrung hatte […]
Um die Mittagszeit kündigte der Botschafter an, ein israelischer Spezialist für Sicherheitsfragen werde nach München kommen. Es handele sich um einen hohen Sicherheitsexperten mit Begleiter. Etwa um 19 Uhr trafen beide in München ein. Mit ihm sprach ich wiederholt; meine Frage, ob Israel eigene Kräfte zur Befreiung einsetzen wolle, verneinte er […] (Hans-Dietrich Genscher: Erinnerungen, Siedler Verlag, Berlin 1995, Seite 151)

wurde durch das Buch von Aaron J. Klein widerlegt:

Brandt und Genscher lehnten höflich das Angebot der Premierministerin [Golda Meir] ab, eine Kommandoeinheit nach München zu schicken. (Aaron J. Klein, Die Rächer, München 2005, S.68 – Das Original heißt „Striking Back“.)

Wo sind Journalisten, die Genscher dazu eine Frage stellen würden? Genauso vermisse ich im Film andererseits die Darstellung einer Verwechslung, infolge derer ein unschuldiger Kellner in Dänemark getötet wurde. Ohne diesen Punkt kann man die (sowieso unrealistischen!) Selbstzweifel der israelischen Agenten gar nicht für bare Münze nehmen. Dazu die NZZ:

Wenn Israels Agenten Gewissensbisse zeigen dürften, kommentierte der ehemalige Mossad-Chef Efraim Halevy Spielbergs Film, dann spräche das nur für sie. „Ich wäre glücklich, wenn die Gegenseite auch nur ansatzweise dieselben Zweifel entwickeln würde.“

Im Film wird Einiges angedeutet, was nicht stimmt:

In the press notes, the filmmakers claim that though neither the Israeli government, nor the Mossad, had ever acknowledged the existence of such hit squads, several books and documentaries, utilizing inside sources, have since provided details of how the team carried out its goals. They cite two Israeli generals, who have publicly confirmed that the target assassination squads did exist: General Aharon Yariv in a 1993 documentary, and General Zvi Zamir in a 2001 interview for 60 Minutes.

Wie inzwischen schon viele Kritiker betont haben, werden israelische Agenten bei Spielberg als Amateure dargestellt, die weder mit Bomben umgehen noch für die eigene Sicherheit sorgen können:

Spielberg has created the five most inept assassin/spies in the history of movies. You don’t need espionage experience to know that after you shoot the guy next to the elevator of his apartment building, you don’t run away, you walk. They misjudge the strength of the explosives and nearly kill each other and many bystanders. They run back and forth between phone booths and bulky getaway cars.

Der Einsatzleiter wird von seinen eigenen Chefs im Film fast ausschliesslich nur unfair behandelt und ist beinahe neidisch auf die „nette“ Familie des französischen Paten. Der weitere Vergleich mit dem „Sword of Gideon“ würde zeigen: Spielberg hat sich auch hier weitgehend von seiner Vorlage entfernt. Bei Jonas und im „Sword of Gideon“ wird die Konfrontation zwischen Avner und „Samuels“ erst später eskalieren, der „Papa“ ist Avner gegenüber viel freundlicher. Hiermit sind wir schon beim nächsten Kapitel.

Umgang mit dem Bösen

Die genuine Widersprüchlichkeit des Films entspricht der Ästhetik oder besser gesagt der Weltanschauung Spielbergs. Man könnte darauf antworten, jeder sei widersprüchlich. Ja, das Problem liegt aber darin, dass Spielberg sich dazu nicht bekennt. „Munich“ wird von verschiedenen Seiten als 1) die Darstellung des nichtvorhandenen Bösen kritisiert oder 2) die Darstellung des allgegenwärtigen Bösen oder 3) die Darstellung der Israelis als des Bösen oder 4) die Darstellung der Palästinenser als des Bösen. Beispiele:

1) David Brooks schreibt in den „New York Times“ am 11.12.2005:

There is, above all, no evil. And that is the core of Spielberg’s fable. In his depiction of reality there are no people so committed to a murderous ideology that they are impervious to the sort of compromise and dialogue Spielberg puts such great faith in.

Because he will not admit the existence of evil, as it really exists, Spielberg gets reality wrong. Understandably, he doesn’t want to portray Palestinian terrorists as cartoon bad guys, but he simply doesn’t portray them. There’s one speech in which a Palestinian terrorist sounds like Mahmoud Abbas, but beyond that, the terrorists are marginal and opaque.

And because there is no evil, Spielberg gets the Israeli fighters wrong. Avner is an American image of what an Israeli hero should be. The real Israeli fighters tend to be harder and less sympathetic, and they are made that way by an awareness of the evil implacability of those who want to exterminate them.

Mark Steyn äußert sich im „National Review“ am 31.12.2005:

Spielberg’s movie says in this line of work there’s no good and evil, and terrorism and counter-terrorism are merely opposing balls in an endless Newton’s cradle of moral equivalence.
In the Spielberg-Kushner version, it’s an opportunity for a terrorist bonding moment, as Avner and an equally fetching young Palestinian lad enjoy their variation on the old ‚Silent-Night‘-on-the-Western-Front routine. Inside, the two groups are squabbling and retuning the radio back and forth from Arabic to, ah, less Arabic music until they find common ground and bridge the sectarian divide by settling on ‚Let’s Stay Together‘ by Al Green.

‚Humanising‘ the Arabs is fine, but the film works hard at dehumanising the Jews, not just because of the thin characterisations but also through the demands of the narrative arc: the Israelis are cold loners living in the shadows coolly observing Arabs taking their little girls to music lessons in Paris or chatting affably to the local storekeeper in Rome; then the Jews move in and clinically blow them to pieces. The Arabs have fully formed lives, the Israelis don’t.
Indeed, that’s what prevents this film being as anti-Jew as its detractors say it is. For all the tedious clichés about the cycle of violence, in the end Spielberg’s Jews are better than Spielberg’s Arabs – because the former feel bad about what they’re doing, and feeling bad – especially about your country – is the noblest of Hollywood virtues. And so crack Israeli agents gradually morph into the apotheosis of effete Western narcissistic moral passivity. Fine for movies, but you wouldn’t want to send them on a real job.

2) In seinem Weblog beobachtet ein Magdi am 22.1.2006:

The evil in Munch is pervasive. It exists in all of the principal characters. The film does not even attempt to make an assertion about the existence of evil, rather, it raises a debate about the point at which evil begins. As the nature of the assassins‘ violence escalates, many questions are raised. Does one engage in evil the moment one begins to operate under the notion that punishment is necessary? Or that punishment is only satisfactory if it is in some way equivalent to the original crime (an eye for an eye)? Or does evil begin when a bystander is killed? Is a man evil when he kills the wife of a murderer in order to kill the murderer, or is he immune to wickedness until he kills the murderer’s child as well? Does a man become evil when he not only kills a woman but leaves her naked body uncovered? Or is it when he kills an adolescent? Munich asks these questions. The fact that it gives us no easy answers is testament to the filmmakers‘ understanding of their material. Justice in itself is difficult to define. The exact moment at which justice becomes wickedness is imperceptible.
I believe, as Spielberg seems to, that both the Israelis and the Palestinians have a right to their home. There can be no easy resolution to this conflict, and the film offers none. However, the fact that many neo-conservatives have got their panties in a bundle over Munich means that, for me, the film is successful. Rather than preach, it debates. The fact that people like Krauthammer and Brooks are calling it a „travesty,“ and accusing it of „taking sides“ makes it quite clear that for these men, intelligent, empathetic debate is identical to moral equivalency. This makes Munich and its many questions absolutely necessary. Empathy does not necessarily arise from parallels (or moral equivalency); it arises from intelligent discourse, and is currently in very short supply.

3) Charles Krauthammer glänzt in der „Washington Post“ am 12/13.1.2006 (ich zitiere die deutsche Übersetzung aus der „Welt“ vom 26.1.2006):

In „München“ sind die israelischen Athleten nicht nur theatralische, sondern auch historische Dreingaben, Strichmännchen. Pflichtgemäß führt Spielberg ihre Namen an – Spielbergs Liste -, und das war’s: keine Geschichte, kein Kontext, keine menschlichen Beziehungen, gar nichts. Diese Israelis sind nur da, um getötet zu werden.
Die Palästinenser, die das Massaker planen und von Israel zur Strecke gebracht werden, erhalten – durch die Hingabe des begnadeten Filmhandwerkers – Struktur, Menschlichkeit, Tiefe und Geschichte. Der erste Palästinenser, den wir in dem Film kennenlernen, ist der hochgebildete Dichter, der eine öffentliche Lesung abhält, sich dann gegenüber einem italienischen Ladenbesitzer als großzügig erweist, ehe er von dem Juden ebenso kaltblütig wie brutal erschossen wird.
Dann ist da der ältere PLO-Mann, der von seiner sieben Jahre alten Tochter schwärmt, bevor er in die Luft gejagt wird. Keiner dieser Verschwörer wird dabei gezeigt, wie er den Anschlag von München oder irgendeine andere Greueltat plant. Sie werden in voller Blüte ihrer Menschlichkeit geschildert, und wie sie von den Juden rigoros ausgelöscht werden.
Doch die schockierendste israelische Brutalität ist die Szene mit der holländischen Prostituierten – unpolitisch, schön und Mitgefühl erheischend – die, natürlich nackt, von den längst halb wahnsinnigen Israelis erschossen wird, die noch eine private Rechnung zu begleichen haben. So macht man das in Israel nun mal, nehme ich an.
Noch ungeheuerlicher als die Manipulation durch die Charaktere ist die Propaganda der Dialoge. Das palästinensische Programm wird geradeheraus formuliert: Die Juden haben uns unser Land weggenommen, und wir werden jeden Israeli umbringen, den wir erwischen, damit wir es zurückbekommen. Diejenigen, die die israelische Sache repräsentieren, sagen das gleiche. So erklärt die Mutter des Helden, des erbarmungslosen, eingefleischten Zionisten: Wir brauchten eine Zuflucht. Wir nahmen sie uns. Was auch immer es kostet. Dann leiert sie die Namen von Familienmitgliedern herunter, die den Holocaust nicht überlebten.
Spielberg macht den Holocaust zum Motor des Zionismus und zu seiner Rechtfertigung. Das deckt sich natürlich genau mit der Sichtweise der Palästinenser. In der Tat entspricht dies genau der klassischen Lesart für Antizionisten
Die These des Films lautet, dass die ganze israelische Sache – also nicht nur der Rachefeldzug gegen die Hintermänner der Anschläge von 1972, sondern das gesamte Unterfangen Israel selbst – einem moralischen Bankrott gleichkommt. Diese Behauptung wird derart nachdrücklich vertreten, dass „München“ damit endet, wie der Chefauftragskiller des Mossad, innerlich zerrüttet durch seine Erfahrungen, Israel für immer verläßt. Und wo siedelt sich unser Held an? An dem einzigen Ort, an dem echte Juden mit Anstand und Feingefühl eine Heimat finden: im New Yorker Stadtteil Brooklyn.

Ich darf in dem Zusammenhang daran erinnern, dass im Nachspann zum „Sword of Gideon“ erzählt wird, Avner sei 1973 nach Israel zurückgekehrt, um im Krieg seinem Land wieder zu dienen.

Noch eine Pointe: Viele Medien weisen darauf hin, dass Spielberg keine Beteiligten an beiden Seiten konsultiert hat. Es stimmt nicht so ganz. Jonas erwähnt in seinen Notizen, dass sein „Avner“ von Spielbergs Team zur Beratung hinzugezogen wurde. Allerdings meint ein Kritiker wohl zu Recht:

[Der Planer des München-Attentats] Daoud need not fear that no one consulted him: Spielberg and Kushner are on it.

Oder wie ein anderer Kritiker sagt:

Whatever good intentions Spielberg may have had, his „docu-drama“ serves only the dangerous Islamist propaganda machine and may even inflame Jew-hatred.

4) In einem ausführlichen Artikel zeigt Elisabeth Lindner-Riegler sich kämpferisch am 28.2.2006 bei dem „Campo antiimperialista“:

Der Anschlag in München hat also keine Geschichte. Es kommt kein palästinensisches Volk vor, das 1948 und 1967 zu Hunderttausenden von seinem Land vertrieben wurde, das seit 1967 – also damals seit fünf Jahren – unter israelischer Besatzung lebte. Kein Wort davon, dass tausende Palästinenser in israelischen Gefängnissen gefoltert wurden, dass zur Bekämpfung des Widerstands – eines legitimen Widerstands gegen Besatzung – Zivilisten als „Kollateralschäden“ ermordet wurden oder Flüchtlingslager bombardiert wurden. Die brutalen ersten Jahre der Besatzung waren der direkte Hintergrund von München 1972. Aber diese Geschichte darf nicht erzählt werden, damit der zweistündige Rachefeldzug der Israelis menschlich verstanden und nachvollzogen werden kann.
München hat keine Vorgeschichte, die Palästinenser sind Terroristen. Zu sagen haben sie im Film wenig. In der englischen Fassung in den amerikanischen Kinos wird das Wenige, was auf Arabisch gesagt wird, nicht einmal untertitelt.
Breiten Raum hingegen bekommt das fünfköpfige israelische Killerteam, um zu vermitteln, dass sie Menschen sind und keine Killer. Sie haben für Israel ein ungeheuerliches Verbrechen zu sühnen – deshalb können sie weder Terroristen noch Killer sein. Ausgehend von dieser Prämisse sehen wir sie essen, lachen, scherzen oder auch später von gewissen Zweifeln geplagt. Wir haben es mit Menschen zu tun, mit denen man sich identifizieren kann. Avner ist zudem Vater eines kleinen Babys, nach dem er sich sehnt, das er nur übers Telefon hören kann. Wir werden Zeugen, wie er darüber in Tränen ausbricht. Alle Register werden gezogen um Avner, den Killer, nicht als Killer darzustellen.
Dieser Schluss ändert nichts an der Grundaussage des Films, nämlich dass Israel im Kampf gegen die „terroristischen Palästinenser“ jedes Recht hat, Rache zu nehmen. Im Gegenteil – die unmenschliche Politik bekommt noch menschlichere Züge. Die Schlussszene mit Avner und seinem Baby auf dem Arm macht die Identifikationsmöglichkeit vollkommen.
Spielberg hat dem rassistischen zionistischen Israel einen hervorragenden Dienst erwiesen, darüber hinaus auch noch George Bush in seinem „Kampf gegen den Terror“.
Wenn man den Film gesehen hat, wird man erkennen, dass es gerade um die absolute moralische Ungleichheit geht und dass Stimmen wie die Leiblers offensichtlich jeden noch so zarten Hauch an Kritik als Angriff auf ein moralisch absolut über jeden Zweifel erhabenes Israel sehen. Dennis Ross, ehemaliger Nahost-Gesandter der USA unter Bill Clinton, der für den Film in der jüdischen Gemeinde in Manhattan warb, sieht die Sache anders. “Munich” sei sehr wohl „ein guter Film für die Juden und für Israel.“ Was Israel betrifft, hat er leider Recht.

Nicht anders denkt ein Emanuel Goldman:

The essence of the film is that the Israelis are the good guys, the heroes. The story is told from their point of view, and we identify with them. Whatever else one may criticize about the politics, there is no escaping that. This is an enormous advantage for the Israelis, and vitiates the argument that the film suggests moral equivalence. If anything, it makes the Israelis even more sympathetic because it shows them caring about human life, in stark contrast to the way the terrorists are depicted. The actions of the Israelis are in response to horrific acts. The filmmakers chose to omit a reported real-life mistaken identity killing of a waiter in Norway; had the filmmakers wished to demonize the Israelis, including the killing of an innocent person would have certainly tarnished them. By contrast, the Israelis are depicted as taking pains to avoid killing innocent people. the Israelis are the heroes, the good guys, and the terrorists are monsters.

Noch deutlicher wird ein arabischer Politologe Joseph Massad:

Munich is not about these Palestinians; it is emphatically about Israeli Jews and Israeli terrorism. Munich poses moral questions about terrorist methods and whether the end justifies the means as it chronicles the pangs of conscience troubling Israeli terrorists while they murder Palestinian poets, writers, and politicians across Europe and in Lebanon. Spielberg, who is at any rate an active participant in such media depictions, humanizes Israeli terrorists in Munich but expectedly not the Palestinian terrorists who are portrayed as having no conscience.

Genauso:

So now the real challenge for Spielberg. A Muslim friend once wrote to me to recommend Schindler’s List, but asked if the director would continue the story with an epic about the Palestinian dispossession which followed the arrival of Schindler’s refugees in Palestine. Instead of that, Spielberg has jumped 14 years to Munich, saying in an interview that the real enemy in the Middle East is “intransigence.” It’s not. The real enemy is taking other people’s land away from them.

UPDATE: Ähnlich sieht den Film auch „as’ad“, der mehrere Vergeltungsaktionen der israelischen Armee benennt (Link).

Abschließend können wir sagen, die Botschaft des Films ist so undeutlich, dass jede Partei in ihm etwas Anderes, eben jeweils Anderes sieht. Ist es ästhetisch vertretbar? Das Böse spielt bei Spielberg von Anfang an eine besondere Rolle. In seinem ersten Film („Duell“) war der riesengroße Lastwagen das Böse, sein menschlicher Fahrer wurde nie gezeigt. In „Schindlers Liste“ wurden Täter und Opfer unterschiedlich gezeigt – die Opfer nur leidend, weil das Böse übermächtig ist. Die Bösen haben nur negative Züge. Genauso im „Soldat James Ryan“. In diesen beiden Filmen wird die Hauptperson als in sich zweifelnde zerspaltene Persönlichkeit gezeigt. Die moralische Botschaft sowie der beträchtliche Schuss vom amerikanischen Patriotismus wird über den eigentlichen Inhalt der Story drauf gesetzt – als eine besondere Intention des Autors.

Auch im „Munich“ zwingt der Regisseur uns, mit seinem Blick Ereignisse zu sehen. Szenen in Israel haben eine andere, traumatisch bedeckte Sepiafarbe, sie kommen aus einer anderen, surrealen Welt. Szenen am Tisch werden metaphorisch groß ausgespielt – der Vergleich zwischen dem Essen beim französichen Paten und dem der israelischen Agenten untereinander führt zur selben Folgerung wie die parallele Montage der Attentatsschnitte mit den Bildern des inneren Lebens des Avner bis zur Liebesszene fast am Ende des Films. Nämlich, das Gute ist hin, es ist nicht mehr da. Diese Folgerung ist pessimistisch, das Böse ist überwältigend, dringt durch. Die Spirale der Gewalt sei nicht zu stoppen, Twin Towers am Ende des Films sind deren prophetisches Zeichen.

Motive der handelnden Personen

So gut wie jeder Bericht über den Film geht davon aus, dass die israelische Tötungsaktion ein Akt der Rache sei. So wird die Position der Golda Meir im Film interpretiert, in vollem Einklang mit dem üblichen antisemitischen Ressentiment, es sei jüdisch, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zu fordern. Ein Beispiel von sehr-sehr vielen:

Es ist der von Golda Meir so bezeichnend als der „Zorn Gottes“ über die angeblichen Feinde Israels heraufbeschworene Rachefeldzug. Es ist eine Geschichte von Blut und Gewalt.
Es ist das alttestamentliche Prinzip Aug um Aug, Zahn um Zahn. Es ist die Geschichte von Rache und Vergeltung, die ihre Täter und Tatestäter mit sich zieht und letztlich in einem Zustand psychischer Gestörheit zementieren wird. Es ist die Sünde des Hochmuts, alles zu dürfen, die alles verspricht, wenig gibt, aber alles nimmt. Diese verhängnisvoll wirkenden Mechanismen aufzuzeigen, darum geht es Spielberg, nicht um Authentizität.

Der missionarisch denkende Franziskus von Ritter-Groenesteyn spricht in dem zitierten Beitrag weiter über „die Sinnlosigkeit und Heuchelei des israelischen Rachefeldzugs“. Es sei „ein Film, der auf drastische Weise aufzeigt, wohin es führt, wenn man nicht die Goldene Regel befolgt, die uns im Neuen Testament als Wegweiser für ein besseres Zusammenleben hinterlassen ist: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ Mt 7,12.“ Oder: „Ihr Tun“ lasse „aber ein kleines nunmehr vaterloses Mädchen einsam und allein in einer zerstörten Wohnung“ zurück.

Noch ein Beispiel. In seiner Homepage philosophiert Ulrich Behrens:

Die Bilder zeigen den Anti-Terror-Terror des israelischen Teams um Avner, sie zeigen das Auge-um-Auge-Prinzip ihres Handelns, das wiederum nur Ausfluss einer geradezu vollständigen Internalisierung der Legitimitätsideologie ist. Und das allerdings ähnelt nicht nur minimal an die rechtstheoretische, aber eben auch zutiefst politische Legitimitätstheorie Carl Schmitts: Die politischen Willensäußerungen eines Volkes, die gesetzlichen Regelungen, die dessen Regierung trifft, sind nicht einfach beliebig; sie sind Ausdruck der Existenz eines „gleichartigen Volkes” bzw. seiner werthaften Institutionen, Die Legalität (politischen) Handelns gründet nach dieser Theorie nicht mehr in demokratischen Verfahren, sondern in der Nation, der Rasse, der Ethnie, deren Existenz(recht) und Existenzsicherung, eben jenen undefinierbaren theoretischen Konstrukten, die einzig Legitimität begründen sollen und denen das Legalitätsprinzip untergeordnet werden soll. Golda Meir formuliert anfangs des Films genau dies.

Und weiter:

Spielberg rollt diese Verzahnung realer Ängste und grausamer Vergangenheitserfahrungen mit einer Legitimitätsideologie am Beispiel Avners auf. Avners Gruppe zerfällt, aber vor allem zerfällt Avner innerlich. Wenn er sich am Schluss entscheidet, mit seiner Frau und seiner Tochter in New York zu bleiben, statt nach Israel zurückzukehren – voller Angst um das Leben seiner Familie –, dann hat er sozusagen „zur Hälfte” die Spirale von Terror und Anti-Terror in sich bereits überwunden. Es ist diese seelische Verworfenheit, die eine zutiefst humane Gewissensentscheidung auslöst. Ephraim reagiert entsprechend: Ohne es zu sagen, kann man an seinen Augen ablesen, dass er meint, Avner habe den Kontext der Legitimitätsideologie verlassen. Er katapultiert Avner quasi mit einem Blick und einem „Nein” aus der israelischen Identität.

Es ließen sich – allerdings nicht auf Basis dieses Films – bei den Palästinensern ähnliche Strukturen aufzeigen. Darüber hinaus setzt Spielberg mit „München” seine Kritik an solchen Legitimitätsideologien insofern fort, als er bereits in „Minority Report”, in dem es um die Aburteilung von Menschen ging, die keines Verbrechens schuldig waren, sondern verurteilt wurden, weil sie den Willen zum Verbrechen hatten, deutliche Aussagen traft. Auch in „Minority Report” ging es um die staatlich legitimierte Ausübung von Gewalt ohne Legalitätsbasis vor dem Hintergrund einer Legitimitätsideologie, die den Staat als Wächter eines „homogenen Volkes” verkaufte.

Ein Blick in die Judaistik macht klar:

Eines der hartnäckigsten antijüdischen Vorurteile drückt sich in den Worten „Auge um Auge“ aus. Mit dieser angeblich aus der Thora stammenden Formel wird Juden bis heute vorgeworfen, Rache sei das Prinzip ihres Verständnisses von Gerechtigkeit, ihr Gott sei – im Unterschied zum „christlichen“ Gott – ein grausamer und rachsüchtiger Gott und Frieden mit dem Volk und Staat Israel deshalb niemals möglich.
Die Übersetzung „ajin tachat ajin“ (21:24) als „Auge um Auge“ ist vollkommen falsch. Sie widerspricht dem jüdischen Verständnis der Thora und ist meistens Ausdruck einer antisemitischen Grundeinstellung. Sie widerspiegelt häufig das Rechtsverständnis und die Rachsüchtigkeit der Person, welche die Thora falsch versteht und verurteilt.

Ist es möglich, den Film anders als nur problematisch zu verstehen?

Außerdem weisen (leider viel zu wenige) Kritiker darauf hin, dass Golda Meir nie Worte sagte, die im Film als authentisch präsentiert werden:

In a scene that never actually happened, Golda Meir justifies the mission of the agents she sends to carry out justice with the words, „Every civilization finds it necessary to negotiate compromises with its own values.“ Golda never said it because she understood that holding mass murderers responsible is not a compromise with civilized values, but the only way to insure that civilization survives.

Auch:

Entgegen dem gängigen Erklärungsmuster meint Zamir, die Tötung palästinensischer Terroristen nach den Olympischen Spielen von 1972 sei kein israelischer Racheakt gewesen. Der Geheimdienst habe nicht primär nach Verantwortlichen für das Massaker gesucht, sondern sich bemüht, die Infrastruktur der terroristischen Organisationen in Europa zu zerschlagen. Es sei ihm um «die Verhinderung künftiger Gefahren» gegangen.

Spielberg meint in einem Interview bezüglich der Finalszene:

There is no connection between the Israeli-Palestinian conflict and al-Qaeda. What I meant to say in the last frame is that now, unfortunately, it is time for America to face the hard choices Israel has been dealing with for years.

Dazu spottet britische Journalistin Melanie Phillips am 10.2.2006:

When Israelis kill their killers, their cause cannot be just because what they are wiping out is their own moral heritage. Resisting terror is therefore even worse than terror. What is the value of a Jewish life compared with clean Jewish hands? Jews don’t do killing. What Jews are supposed to do is die.
It is therefore not surprising that Spielberg, the committed American Jew, should occupy himself with recording the testimonies of Holocaust survivors, or making Shindler’s List. And these are indeed good works. But to claim piety by wrapping oneself in the shroud of the dead while denying the living the right to prevent themselves from being similarly exterminated is not good. It is disgusting.
With such a powerful and committed Jewish friend making the spiritual case for Israel’s annihilation, who needs enemies?

Sind christliche Motive gewolltes Mittel als eine moralische Botschaft im angeblich proisraelischen Film? Ich denke, Spielberg hat es eher unbewußt getan. Spielberg ist kein jüdischer Regisseur. Das muss allerdings bewußt gesagt werden.

Gewichtung der dargestellten Protagonisten

Die Gegenüberstellung verschiedener zum Teil sehr parteiischer Meinungen zeigt, wie wichtig die Darstellung der Figuren im Film ist. Sind israelische Athleten sympathisch, sind sie mehrdimensional gezeichnete Menschen oder nur Opfer (vgl. Schindlers Liste)? Sind palästinensische Terroristen nur böse Mörder ohne Hintergründe? Sind sympathische Opfer des israelischen Kommandos als Terrorplaner denkbar? Woran entstehen die Zweifel Avners – an der Angst, von der Gegenseite erwischt zu werden, von dem Anblick der sterbenden Auftragskillerin? Im „Sword of Gideon“ wird dieser Gewissensstrang ganz anders vorgestellt – durch zwei entscheidende Szenen. In der ersten sieht Avner das Leiden auf dem Gesicht des kleinen Mädchens, dessen Vater seine Gruppe gerade getötet hat. In der zweiten wird einer seiner Leute zum Helden und fällt einem Bombenanschlag zu Opfer, um die anderen zu schützen. Nichts dergleichen bei Spielberg.
Sein Avner wird paranoid, ohne dass wir etwas von seinen moralischen Skrupeln direkt erfahren. Er versagt in seinem eigenen Sinne.

Georg Jonas vermerkt dazu:

Spielberg’s „Munich“ follows the letter of my book closely enough. The spirit is almost the opposite. Vengeance holds there is a difference between terrorism and counterterrorism; „Munich“ suggests there isn’t. The book has no trouble telling an act of war from a war crime; the film finds it difficult. Spielberg’s movie worries about the moral trap of resisting terror; my book worries about the moral trap of not resisting it. Not demonizing human beings is dandy, but in their effort not to demonize humans, Spielberg and Kushner end up humanizing demons. The result isn’t so much a celluloid fable of moral equivalence, as a triumphant — indeed, orgasmic — battle hymn of the dove. Its climax has „Avner“ fornicating in a grotesque montage, intercut with violent visions of the Olympic hostage drama. The inspiration for it probably comes from the Syrian poet Nizar Qabbani, whom I quote in Vengeance, celebrating his new-found potency after Israel’s initial setbacks in the 1973 Yom Kippur War. Qabbani is sexually aroused by Arab warriors crossing the Suez Canal. Spielberg and Kushner see „Avner“ sexually aroused by the massacre at Munich. There’s no accounting for tastes.

Abschließen möchte ich mit einem bösen Witz:

Hannah Brown findet in der „Jerusalem Post“ vom 19.1.2006:

Although Spielberg criticizes the Israeli response to the Munich massacre (as well as the American response to 9/11?), the only other response he seems to be suggesting is to congratulate the PLO on its publicity coup.
you would think Spielberg had sold his soul to the devil to make his earlier films and that, with Munich, the devil has come to collect.

 

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