Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Bischof-Moralist: Huber über das „kollektive Verbrechen“ Montag, 24. April 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 21:44 Uhr
Tags: ,

Ungefähr zur selben Zeit hat Bischof Wolfgang Huber „bei Christiansen“ im ARD seine „moralische Beurteilung“ wieder abgegeben und ein Frankfurter Richter Karsten Koch ihm, dem Oberhaupt der Evangelischen Kirche in Deutschland, einen Offenen Brief online gestellt.

Die Gegenüberstellung ist sehr aufschlussreich.Im ARD-Text findet sich ein Zitat aus der Sendung:

Ich fürchte, dass man davon ausgehen muss, dass das ein kollektives Verbrechen ist. Das ist eine moralische Beurteilung und keine Richterschelte und dieser Frage muss man nachgehen. Es ist an der Zeit, dass wir an solchen Stellen auch Erwartungen einbringen in den Integrationsdialog und uns nicht solche Fragestellungen verbieten lassen.

Der Richter meint dazu:

Woher nehmen Sie die für einen evangelischen Bischof geradezu erschreckende Überheblichkeit, den freigesprochenen Brüdern schon vor rechtskräftigem Abschluss des Verfahrens öffentlich eine moralische Schuld zuzuweisen? […]

Möglich, dass am Ende des noch anhängigen Verfahrens ein anderes Ergebnis steht. Aber wenn Sie jetzt schon persönliche Überzeugungen von der Schuld Freigesprochener öffentlich äußern, müssen Sie auch sagen, worauf Sie sich stützen. Ein aufgeklärter Mensch sollte schon unterscheiden können zwischen auf Vorurteilen basierenden pauschalen Verdächtigungen und individueller Schuld – wobei ich hier bewusst nicht unterscheide zwischen strafrechtlich relevanter Schuld und dem, was Sie als moralische Schuld bezeichnen. Freilich ist es gut, dass nicht alles bestraft wird, was wir für unmoralisch halten mögen. Und es mag auch unterschiedliche Anforderungen an Gewissheit geben. Aber für eine öffentliche Zuweisung moralischer Schuld – noch dazu durch den Ratsvorsitzenden der EKD – dürfen keine geringeren Anforderungen gelten als für eine gerichtliche Feststellung strafrechtlich relevanter Schuld. Unser staatliches Strafrecht kennt – Gott sei Dank! – in der Tat nur individuelle Schuld. Oder möchten Sie für eine Tat bestraft werden, für die Sie nicht ganz persönlich und individuell verantwortlich gemacht werden können? Wie stellen Sie sich ein Strafrecht vor, das auf ein „kollektives Verbrechen einer ganzen Familie“ eine nach Ihrer Auffassung zureichende Antwort findet? Ich gestehe jedem Angehörigen welcher Religion auch immer und jedem Atheisten zu, etwas zu glauben, für das er nach rationalen Kriterien keine Beweise hat. Aber ich gebe niemandem – und schon gar nicht einem Bischof der Kirche, der auch ich angehöre – das Recht, einen Mitmenschen öffentlich moralisch zu verurteilen, bevor er dafür Beweise nennen kann. Und wer sich in der „Bild“ äußert, muss ganz besonders vorsichtig sein. Er muss – noch dazu als Mann in Ihrer Position – wissen, dass dort nahezu jede Aussage auf die Ebene einer Stammtischparole verkürzt wird. Die reißerische Überschrift „Bischof verurteilt Ehrenmord-Familie“ spricht für sich. Wenn sie persönlich wirklich überzeugt sind von der moralischen Mitschuld anderer Familienmitglieder, dann nennen Sie Ross und Reiter: Sagen Sie bitte genauso öffentlich, worauf Sie diese persönliche Gewissheit von der „Kollektivität des Verbrechens“ stützen. Oder entschuldigen Sie sich bei der Familie für Ihre unbedachten Äußerungen. Und warten Sie ab, wie das noch nicht rechtskräftig abgeschlossene Verfahren ausgeht. Die Unschuldsvermutung gilt auch für die nicht verurteilten Angehörigen der Familie des Opfers. Wer gerade in diesem Fall den Angehörigen öffentlich ohne Beweise moralische Schuld zuweist, schürt Fremdenfeindlichkeit.

Kein Kommentar.

 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s