Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Judt: Israel-Lobby – keine Verschwörung, dafür ein doppelter Schaden? Montag, 1. Mai 2006

In der Diskussion um den berüchtigten Aufsatz von zwei amerikanischen Autoren (Stephen Walt und John Mearsheimer) über die Hintergründe der USA-Politik mit Blick auf die israelische Lobby zeigen sich einige deutsche Zeitungen besonders interessiert und leider auch parteiisch. Anstatt die laufende Diskussion in ihrer Breite zu präsentieren, wird nur jeweils eine Meinung vertreten, und dabei leider nicht immer die richtige. Im Original steht der Text seit dem 23.3.2006 online. Der „Spiegel“ hat die Studie schon am 31.3 vorgestellt, eher als eine Tratschstory:

Walt und Mearsheimer geben seit Erscheinen des Artikels keine Interviews mehr. Doch aus der Woche davor sind von ihnen Prophezeiungen überliefert: „Es ist klar, dass die Lobby zurückschlagen wird“, raunten sie da düster.

Dann ist jede Kritik von Anfang an schon sinnlos, nicht wahr? Der „Tagesspiegel“ fand dafür klarere und kürzere Worte („Eine obskure amerikanische Debatte“, geschrieben von Christoph von Marschall).

„Die Zeit“ bewundert mutige Professoren:

Nur selten haben Wissenschaftler den Wunsch und den Mut, ein Tabu zu brechen. In den Vereinigten Staaten ist die Bindung an Israel zu einem Tabu geworden. […] Bisher haben sie zu Hause nur dreierlei geerntet: publizistisches Wegschauen, den wohlfeilen Vorwurf des Antisemitismus und den opportunistischen wissenschaftlicher Schludrigkeit. Es ist eben auch in Amerika nicht mehr so einfach, ein Tabu herauszufordern.

So schreibt Christoph Bertram, der dafür eine Menge von unterstützenden antisemitischen Leserkommentaren bekommen hat. Genauso platt schreibt die „Junge Welt“ (sogar zweimal – hier und hier), ähnlich meint auch Uri Avnery. Viele antisemitische Seiten und Blogs übernehmen diese Lesart und beglückwünschen einander.

Ernsthafte Analysen von Robert Misik in der TAZ (Link) oder von Andreas Mink im „Rheinischen Merkur“ (Link) oder von Pierre Heumann und Alain Zucker in der „Weltwoche“ (Link) finden viel weniger Beachtung.

Den größten Erfolg geniesst allerdings bei Antisemiten der Artikel von Tony Judt (vom 19.4. in „New York Times“ – Link), den die „Süddeutsche“ am 28.4. verkürzt übersetzt hat. Die Zeitung enthält sich eines Kommentars, im Wissen dass der Artikel eine nicht weniger starke Kritik verdient und bekommen hat als der Aufsatz, der der Diskussion zur Grundlage wurde. Die Zeitung hat ausserdem den Titel geändert und nahm das, was ihr besser gefällt, – den „Doppelten Schaden“. Tony Judt ist da subtiler, mit seinem Hinweis auf „keine Verschwörung“. Ich darf hier wenigstens auf eine substanzielle Kritik verweisen.

Jeff Weintraub macht eine Sprachanalyse und zeigt, wo die antizionistischen Pointen sitzen, die auf Antisemiten so anziehend wirken. Die wichtigste Stelle in diesem Sinne ist:

Künftigen Generationen von Amerikanern wird es nicht mehr einleuchten, weshalb eine imperiale Macht wie die USA ihr Ansehen durch die enge Verknüpfung mit einem kleinen, umstrittenen Mittelmeerstaat aufs Spiel setzt.

Weintraub kommentiert:

Note the formulation here. It is not Israel’s policies that are „controversial,“ it is Israel that is „controversial.“ Actually, this is true. Whether or not Judt meant to do so, his formulation here has stripped away the usual pious cant about the Arab world’s objections to Israeli policies, to Israel’s oppression of the Palestinians, to the „uncritical“ support of Israel by the US, etc. The Arab world’s fundamental grievance has always been Israel’s existence, and they would resent any US support that helped preserve Israel’s survival.

Das nächste Beispiel:

Doch es war der (jüdische [- Dieser Zusatz stammt von der „Süddeutschen“!]) Journalist David Aaronovitch, der in der Londoner „Times“ Mearsheimer und Walt nicht nur kritisierte, sondern einräumte: „Ich sympathisiere mit ihrem Wunsch, die Dinge richtig zu stellen. Es gibt tatsächlich ein aberwitziges Unvermögen in der US-Politik, das schwere Los der Palästinenser zu verstehen“. And it was the German writer Christoph Bertram, a longstanding friend of America in a country where every public figure takes extraordinary care to tread carefully in such matters, who wrote in „Die Zeit“ that „it is rare to find scholars with the desire and the courage to break taboos.“ [Den Satz hat „Die Süddeutsche“ gestrichen!]

Weintraub setzt fort:

Yes, they did say that. But I’ve read their pieces, and I have to ask, so what? And how is citing these statements at all relevant to M&W’s actual arguments (which people like Aaronovitch & Hitchens & Dershowitz & many other critics actually engage, whether or not you agree or disagree with their criticisms)?

(For example, as Judt acknowledges, M&W do not care a bit about „the plight of the Palestinians,“ and consider that such concerns are irrelevant to serious „realist“ foreign-policy discussions–unless Arab anger about this „plight“ has some instrumental significance for US „national interests“. If they thought Israel were a strategic asset, then they would be impatiently contemptuous about any complaints concerning the „plight of the Palestinians“.)

As for breaking „taboos“ … Michelle Goldberg’s piece in Salon got it right … as in this passage that I quoted in my post on Juan Cole on Mearsheimer & Walt …

Along with Juan Cole’s piece, Salon also carries a piece on this subject by Michelle Goldberg, „Is the ‚Israel Lobby‘ distorting America’s Mideast policies?“ Unlike Cole, Goldberg does systematically engage Mearsheimer & Walt’s arguments–with devastating results. What makes her criticisms especially telling is that in some ways Goldberg clearly wanted to be sympathetic to M&W’s position, but they made that impossible by writing such a transparently weak, „clumsy,“ tendentious, and meretricious piece.

This is not just a case of brave academics telling taboo truths. In taking on such a sensitive, fraught subject, one might expect such eminent scholars to make their case airtight. Instead, they’ve blundered forth with an article that has several factual mistakes and baffling omissions, one that seems expressly designed to elicit exactly the reaction it has received. The power of the Israel lobby is something that deserves a full and fearless airing, but this paper could make such an airing less, not more likely.

Ich darf ergänzen: „Tabubrüche“ sind eine besondere Beschäftigung der Antisemiten, eine Art Sprachcode im Umgang mit dem selbsterfundenen Popanz, – so sind sie sehr leicht erkennbar. Zurück zu den beiden Profs. Zusätzlich zu vielen kritischen Kommentaren will ich noch einen witzigen von einer Bloggerin Violet zitieren:

Mearsheimer and Walt’s argument can be summarized as follows:

* Premise: „Neither strategic nor moral arguments can account for America’s support for Israel.“

* Conclusion: „The explanation is the unmatched power of the Israel Lobby.“

What is controversial about the Mearsheimer-Walt paper is the premise: that U.S. support for Israel is strategically and morally unjustified.

Wie wir sehen, die Debatte ist viel spannender und kann viel tiefer geführt werden, – die „Zeit“ und die „Süddeutsche“ merken es einfach nicht.

 

4 Responses to “Judt: Israel-Lobby – keine Verschwörung, dafür ein doppelter Schaden?”

  1. Jorg Says:

    „Walt und Mearsheimer geben seit Erscheinen des Artikels keine Interviews mehr.“

    Sie haben jetzt hier geantwortet:
    http://www.lrb.co.uk/v28/n09/letters.html

    Kritische Auseinandersetzung mit dieser Antwort hier:
    http://americanfuture.net/?p=1681

  2. peet_g Says:

    Eine köstliche Fortsetzung (D.Pipes antwortet) hier:

    Link–>

  3. Die Qual der Recherche.

    Da gibt`s nämlich auch andere Auffassungen über Ihren Favoriten. Falls von Interesse:

    „Den größten Erfolg geniesst allerdings bei Antisemiten der Artikel von Tony Judt (vom 19.4. in „New York Times“ – Link), den die „Süddeutsche“ am 28.4. verkürzt …

  4. […] für Antizionismus Morgen wird dem britisch-amerikanischen Historiker Tony Judt der Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken der Stadt Bremen verliehen. Dagegen protestieren […]


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