Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Elfriede Jelinek verteidigt Peter Handke Mittwoch, 31. Mai 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 12:35 Uhr
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Die Debatte über die Verleihung oder doch Nicht-Verleihung des Heinrich-Heine-Preises an Peter Handke ist zu einer bemerkenswerten Posse geworden. Nun ist die nobelgepriesene Granddame der destruktiven Literatur auf die Barrikade gegangen. Der Text ist typisch Jelinek. Einmal möchte ich mich an ihren Text doch heranwagen. Der Anlass ist viel zu gut dafür, der Text steht online.

Aus gegebenem Anlaß, aber ich habe ihn nicht gegeben, ich habe ja nichts zu geben, und ich habe nichts zuzugeben

Der Titel ist sehr schön, lässt sich fein aussprechen und, wie immer will die Autorin ihre Distanz zum Thema betonen: Der Anlaß ist da, und sie sagt dazu alles, was sie meint, gibt aber vor, es nicht zu tun.

(Handke/Heine)

Der Untertitel weist darauf hin, was das eigentliche Thema ist. Das wollen wir noch prüfen.

Was soll man sagen? Ich überlege, was ich zu Handke sagen könnte, während das Geheul und Gebell rundherum anschwillt. Ich bin versucht damit anzufangen, daß ich politisch in Bezug auf Serbien nicht seiner Meinung bin, daß ich das Eingreifen fremder Mächte bei drohendem Völkermord, den ich damals am Balkan gesehen hatte, auch völkerrechtlich gedeckt fand und immer noch finde, aber schon das ist eine Falle, in die ich nicht laufen müßte, nicht einmal dürfte. Ich muß meine politische Position nicht darlegen, um meine Besorgnis über die wachsende hysterische Hetze gegen einen Dichter artikulieren zu dürfen. Auch sollte ich nicht eigens drauf hinweisen müssen, daß ich nicht seiner Meinung bin, aber, nein, sterben würde ich für seine Meinung nicht, das muß nicht sein, es sterben schon viel zuviele, aber daß ich jedenfalls alles täte, damit er diese Meinung äußern darf.

Zuerst bezieht Jelinek ihre politische Position. Sie sei mit Handke nicht einverstanden, mit seiner politischen Meinung, der politischen Position eines Dichters. Sie sieht sich dabei in der Rolle eines Voltaires, Handke dürfe seine Meinung äußern, als würde ihm einer das verbieten wollen.

Ich muß auch nicht darauf hinweisen, wie oft Heine seine politische Meinung veröffentlicht – und wieder geändert – hat, mit großer Leidenschaft, und darauf kommt es an.

Heines politische Meinung war ein der Hauptstränge seiner Dichtung, und nicht – wie bei Handke – ein expansiver Zusatz, kurz vor dem Ausbruch der Gedanken über die Rente. Der zweite große Unterschied – Heine bekam keine Preise, und schon gar keine offizielle Würdigung für seine politische Position. Seine Texte wurden zensiert, verboten und sogar verbrannt, es fanden sich deutschsprachige Kritiker, die seine Sprache für eine Schande hielten usw.

Er hat den Kommunismus begrüßt, im Wissen, daß Leute wie er (und ihre Werke) die Ersten wären, die ihm zum Opfer fallen würden. Also da gibt es im Schreiben immer das Trotzdem. Und das Dazwischen.

Ist es eine Parallele zwischen Heine und Handke? Hat Heine den Kommunismus im Wissen der künftigen blutigen Katastrophen begrüßt? Wo nimmt Jelinek ihr Wissen über dieses Wissen her? Und andererseits – wo findet sie das Trotzdem und Dazwischen bei Handke, konkret in seinen „politischen“ Texten? Gibt es überhaupt so etwas Subtiles bei ihm? Ist seine Dichtung der von Heine darin vergleichbar?

Und dort hinein haben wir uns zu begeben, auch wenn es dort eng wird. Indem wir erkennen, was für jeden einzelnen von uns notwendig ist zu sagen. Aber soll nicht mehr drin sein als das zu bejahen, was allgemein Konsens ist, das, was doch nicht zu ändern ist („glücklich ist, wer vergißt!“) einfach zu übernehmen?

Und seit wann haben wir uns dorthin zu begeben, wo Jelinek selbst zu eng wird? Warum überhaupt nimmt jemand auf sich etwas zu sagen, was für jeden einzelnen von uns notwendig zu sagen ist? Ist die Abweichung von einem allgemeinen Konsens, sollte es einen geben, gleich seine vollständige Umkehr? Und sollen wir jetzt alle Wiener werden, indem wir uns zurück ins Neunzehnte Jahrhundert versetzen lassen, im Walzer, um jegliche Revolution zu vermeiden? Ist dann eine Änderung gleich einer blutigen Revolution, ist denn jeglicher Konsens, zum Beispiel auch über eine politische Position eines Dichters, in Frage zu stellen, nur weil ein einzelner Dichter für seine unakzeptable politische Position einen ganz speziellen Preis bekommen möchte, zu allen anderen, die er schon hat, angewidert von der ganzen Maschinerie der Preisverleihungen?

Was wäre das für ein Denken, ich meine ein Fortdenken im Hinblick auf das Hinschreiben, das nur im Hinblick auf ein feststehendes Ergebnis denkt und schreibt und nicht dagegen? Dagegen auch, wenn es weiß, daß es vielleicht falsch ist? Das, was von der Allgemeinheit gesagt wird und also gesagt werden muß (der berühmte Konsens über etwas), läßt dem Dichter keine Möglichkeit mehr übrig, etwas zu sagen, da alles schon ausgerechnet, zusammenaddiert und saldiert ist. Das, was allgemein und der Allgemeinheit (und die Gemeinheit bereits enthält) gesagt werden muß, entscheidet nicht darüber, ob einem Dichter etwas zu sagen nötig scheint, und wäre es das absolut Unnötige, Überflüssige, Sinnlose. Der Dichter hat, was er zu sagen hat, zu sagen, weil es ihm notwendig ist, es zu sagen, aber er hat nicht das Notwendige zu sagen, sonst hätte er gar nichts mehr zu sagen. Sonst hätte er nur noch zu erledigen, was erledigt werden muß. Das ist zuwenig.

Dasselbe noch einmal in Grün, Jelinek schreibt immer gerne in Umschreibungen des Geschriebenen. Klar, de Sade und Genet dürfen vom Konsens der Gemeinheit abweichen. Die Liste der Beispiele könnte man fortsetzen. Wurden sie dafür gepriesen, speziell für ihre politische Position?
Und klar auch, die Literatur soll nicht nur nützlich sein, dienen, erledigen. War denn darüber die Rede?

So, und jetzt darf ich mich endlich Handke und seiner Stellungnahme anschließen, die Lügen und Halbwahrheiten von der Rechnung abziehen (die rote Rose auf Milosevics Sarg – also wirklich! Vielleicht macht man aus ihm noch einen Sargspringer wie in der großartigen US-Familienserie „six feet under“!), die längst getätigten Klarstellungen noch einmal vom tiefen ins seichte Wasser ziehen, damit man sie genauer sieht (Handke hat das alles selber längst richtiggestellt, vor allem den entsetzlichen Vergleich des Schicksals der Serben mit der Vernichtung der Juden), das hätte man alles längst nachlesen können.

Hier bezieht sich die Schriftstellerin offensichtlich auf den Text von Handke in der FAZ vom 29.5.2006. Jelinek schreibt unter dem Eindruck davon, am nächsten Tag, zutiefst betroffen. Sie glaubt ihm so sehr, dass all seine anderen, von dem Selbstverteidiger Handke darin nicht erwähnten Faupas ausgeblendet werden, sie werden somit auch von der Rechnung abgezogen.

Was an dem, was er geschrieben hat, richtigzustellen ist, ist nichts, denn er darf alles schreiben. Was an dem, was er gesagt hat, richtigzustellen war, hat er getan, und das Vor-Sich- Hin-Denken, in dessen Verlauf das Niederschreiben (nicht das Nieder-Schreiben) von Gedanken entsteht, das schreibende Denken über etwas, das Denken im Zeitablauf, muß immer ein Anfang sein, es muß bei Null anfangen, nicht bei der veröffentlichten Meinung, es hat sich nicht an irgendwelche Lehren zu halten, es muß immer wieder neu anfangen, als wäre davor nie etwas gedacht worden. Mich hat immer gewundert und auch geärgert, daß Handkes Schlüsselstück über das ehemalige Jugoslawien, „die Fahrt im Einbaum“, in der Debatte kaum je erwähnt worden ist. Ich habe das Stück gelesen und die Aufführung in Wien (in der Regie Claus Peymanns) gesehen: In diesem Stück ist doch alles drin. Es ist doch alles gesagt. Da steht es ja. Es ist mehr (und gleichzeitig weniger) als alles gesagt.

Er darf in der Tat alles schreiben, das tut er übrigens auch. Und er darf genauso gerne sein Schlüsselstück weiter auf die Bühne bringen, falls die Regie alle Hintergründe aufzudecken vermag. War das das Thema?

Der Dichter sagt alles, indem er nicht alles sagt, und gerade darin ist alles gesagt.

Das würde sogar ich unterschreiben. Im Bezug auf Handke ganz insbesondere. Hätte er weniger gesagt, sich weniger deutlich als Dichter politisch auf die Seite des Milosevic gestellt, hätte man das vielleicht weniger in Frage gestellt. Dann wäre es Dichtung und nicht die blamable Politik.

So kann ich mit Handke nur das Mindeste erwarten, was zu erwarten ist, nämlich möglichst alles zu lesen, was er in den letzten Jahren zum Balkankonflikt und seinen blutigen Kriegen, Nachbar gegen Nachbarn, geschrieben hat. Lesen und dann reden, aber nicht hetzen. Sonst wagt man sich zu weit vor, und dann haben sogar die Hunde, die treuen, einen verlassen (ihr klagendes Gebell hört man allerdings noch lang), und die guten Geister verlassen einen auch irgendwann, und dann wird es nur noch geistlos.

Das einzige Problem hier bleibt, dass es ein anderes Thema ist: Handke wird nicht gejagt und nicht verjagt, nur die Verknüpfung Handke-Heinepreis will nicht akzeptiert werden. Heine hat nie einen Diktator verteidigt oder gelobt. Heine schaffte es immer, seine Ironie für alle zugänglich zu gestalten, begreiflich, pointiert, unmißverständlich. Ich möchte mit seiner politischen Position im Konsens sein und nicht mit der von Handke, umsomehr dass ich – genauso wie Jelinek – sie, die politische Position von Handke, nicht teile. Und noch was: Ich habe diese Aussage bis zum Ende des geschriebenen Schreibens nicht vergessen.

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One Response to “Elfriede Jelinek verteidigt Peter Handke”

  1. Anonymous Says:

    earthling / http://www.myblog.de/earthling

    Ach, es ist auch einmal schön, die Jelinek gerupft zu sehen. Sehr schön! Ich hätte wohl nicht den Nerv zum Ziselieren gehabt.


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