Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Versagen der Politik Donnerstag, 6. Juli 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 14:57 Uhr
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Wie inzwischen von einigen Medien berichtet wurde, haben Teilnehmer eines Sommerfestes in der kleinen Ortschaft Pretzien in der Nähe Magdeburgs eine kleine Bücherverbrennung durchgeführt. Das passierte am 24.6.2006. Die Zeitung „Volksstimme“ brachte die Nachricht am 30.6. Die „großen“ Zeitungen haben es weitergeleitet (sehr-sehr sparsam).

Die „großen“ Politiker haben sich bis jetzt nicht gemeldet. Der Ministerpräsident Sachsen-Anhalts Wolfgang Böhmer erzählt am 5.7, wie hart er mit den Rechtsradikalen umgehen will:

Das kann man so nicht durchgehen lassen – deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft. […] In diesem Fall war es eine politische Demonstration. Deshalb müssen wir mit aller Schärfe darauf reagieren. Neben allen juristischen und politischen Konsequenzen, die zu ziehen sind, wollen wir auch mit Schulen der Umgebung sprechen und eine Veranstaltung organisieren, mit der man öffentlichkeitswirksam unsere Abscheu deutlich machen kann. […] Wir müssen damit rechnen, dass sich scharenweise Journalisten auf uns stürzen, um uns in ein schlechtes Licht zu stellen. Wir werden versuchen, da deutlich gegenzusteuern – Licht entsteht ja nicht von selbst. Wir haben schon ein paar Ideen, aber wir werden erst darüber berichten, wenn wir sie umsetzen können.

Ich glaube, die Rechtsradikalen haben echt Angst bekommen. Der Bürgermeister wurde dazu aufgefordert, seinen Mitgliedschaft bei der Linken Partei/PDS zu beenden. Eine einmalige Strafmassnahme. Alle haben sich davon distanziert, schön und gut. Und was weiter?

Der SPD-Wiefelspütz hat sich empört:

Den Tätern sei «mit voller Härte des Gesetzes» zu begegnen, betonte Wiefelspütz. «Wir werden nicht zulassen, dass solche Außenseiter das Bild von Deutschland bestimmen.» Der Innenexperte befürchtet nach dem Vorfall auch negative Außenwirkungen für das ansehen Deutschlands in der Welt: «Ich hoffe, dass dieser Vorgang nicht das Bild beeinträchtigt, das Deutschland gerade in den letzten Tagen zeigt», so Wiefelspütz mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft.

Noch einmal, ist das alles? Die erste Publikation im Ausland zeigt die Dimension dieser politischen Bombe am 4.7. Kann es sein, dass der Ministerpräsident und der SPD-Verantwortlicher für die Empörung erst dann reagieren? Wie? Das wissen sie offensichtlich nicht und warten, bis der Papa kommt und Bescheid sagt, zum Beispiel so:

Pretziens Bürgermeister Friedrich Harwig müsse sofort von seinem Amt zurücktreten, sagte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, der „Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung“. „Es ist empörend, sträflich und naiv und geradezu grotesk, dass Politiker versuchen, den Rechtsextremismus durch Anbiederung zu bekämpfen.“ Die Neonazis müssten in allen gesellschaftlichen Bereichen konsequent geächtet werden, statt auch noch an ihren Festen teilzunehmen.

Thomas Heppener, Direktor des Anne-Frank-Zentrums, hat auf der Homepage der Stadtgemeinde am 30.6. geschrieben:

In einem Artikel der Volksstimme wurde heute berichtet, dass am 24. Juni in Pretzien im Rahmen eines Sommersonnwendfestes das Tagebuch der Anne Frank verbrannt wurde. Ich habe als Direktor des Anne Frank Zentrums auf Basis dieses Berichtes Strafanzeige und Strafantrag gegen Unbekannt gestellt.
Die Jugendlichen müssen gewusst haben, dass das Tagebuch Symbol für den Völker-mord an den Juden ist. Es ist ein ungeheuerlicher Vorgang gerade dieses Buch zu verbrennen. Besonders erschreckend finde ich, dass es keinen öffentlichen Aufschrei der Bürgerinnen und Bürger Pretziens gab. Diese Aktion ist ein weiteres Zeichen für weit verbreitete rechte Orientierung und eine mangelnde Zivilgesellschaft in den neuen Bundesländern.
Gern komme ich nach Pretzien, um mit den Verantwortlichen zu überlegen, welche Möglichkeiten der gemeinsamen Arbeit gegen Rechtsextremismus möglich ist.

Heppener hat bis heute keine Einladung bekommen. Die Sitzung des Gemeinderates verläuft heute, am 6.7., hinter verschlossenen Türen. Die Meldung über die Tagesordnung bezieht sich mit keinem Wort auf das Thema!

Medien informieren, wie gesagt. Sie kommentieren ziemlich sparsam und verharmlosen die Geschichte, wie zum Beispiel die „Frankfurter Rundschau“:

Es gibt sie noch, die Hässlichkeit des provinziellen Alltags. […] Was an dem Vorfall verblüfft, ist der banale Angriff auf die einfachen Reflexe. Anne Frank, Bücherverbrennung – als hätte jemand die Aufgabe gestellt, eine öffentliche Provokation herzustellen aus zwei wichtigen Begriffen des Sozialkundeunterrichts der siebten Klasse.

Wie die Fahnen weh’n, in Orten wie Pretzien, wird man erst sehen, wenn der Fußballrausch wieder vorbei ist.

Blogger merken es noch gar nicht, bis auf die wenigen Ausnahmen, wie zum Beispiel ein Lübecker:

Doch bedarf echte Empörung und aufrichtige Distanzierung schon etwas mehr…

Wir warten vorerst ab, ob die Wellen weiter und höher schlagen. Was werden wir wohl über die Gemeinderatssitzung erfahren? Kommt denn kein Schäuble oder Gysi nach Pretzien, um mit den 80 Bürgern zu reden, die der Bücherverbrennung zugeschaut haben? Werden sie sich nur um das Bild Deutschlands während der Weltmeisterschaft Sorgen machen?

 

2 Responses to “Versagen der Politik”

  1. Lieber Sendungsbewusste,

    Ich bin vorhin auf Ihren Blog gestoßen, weil ich eigentlich in Sachen „Putin“ unterwegs war. Dann habe ich ein wenig in Ihren Postings gestoebert und dachte mit „Der/Die schreibt vielleicht auch ueber die Pretzien-Sache.“ Ja, und das haben Sie ja dann auch, genau am selben Tag wie ich, naemlich gestern – seltsamer Zufall, nicht wahr? Ich habe den Hinweis auf die Daily Mail noch eingebaut und Ihren Blog empfohlen. Ihr Blog gefaellt mir sehr gut, er ist angenehm ernsthaft und klar in der Ansage, keine eitle Selbstdarstellung. Mit mir gehen manchmal leider die Pferde durch *g*. Auf den Lübecker bin ich auch gestoßen, habe ihn aber nicht erwähnt, weil er mir zu penetrant Werbung fuer Ayn Rand macht. (war das jetzt auch Zensur, bin jetzt wieder unsicher, ob das richtig war, was meinen Sie?). Wir Blogger haben ja die Moeglichkeit, eine alternative journalistische Kultur aufzubauen, da muss man auch vorsichtig sein mit dem Vernetzen

    Was Israel betrifft, bin ich uebrigens voll und ganz Ihrer Meinung. Herzlichst

    Erlkoenigs Tochter aus der Baumhoehle, eine Verwandte von Coolgretchen aus der Bloghuette (falss Ihnen das was sagt)


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