Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Noch kein Kommentar Sonntag, 9. Juli 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 18:30 Uhr
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Die ungewöhnlich durchdachte und absolut überzeugende Reaktion der Landesregierung Sachsen-Anhalts äußert sich in weiterem Schweigen, das Dorf Pretzien steht hinter seinem Bürgermeister wie es sich gehört. Drei Presseberichte und ihre Wirkung sollen hier vorgestellt werden.

In der Zeitschrift „Fokus“ kann man einen ruhigen Beitrag über die Abläufe und die Reaktion im Dorf lesen. Alexander Wendt zitiert darin zum Beispiel diesen Bürgermeister:

Wie viele aus dem Ausland zugezogene Leute gibt es eigentlich in Pretzien, Herr Bürgermeister? „Eine“, antwortet Harwig. „Eine Brasilianerin, die hierher geheiratet hat.“ „Aber wenn sie jemand von hier geheiratet hat, dann wird sie doch automatisch auch Deutsche?“ Harwig schweigt und sieht zur Seite, als läge dort irgendwo ein Spickzettel mit der richtigen Antwort.

„Das sieht wohl nicht jeder im Dorf so?“ „Nein, sagt Harwig, „das sieht nicht jeder im Dorf so…“ „Aber hätten Sie nicht an diesen Sprüchen über Ausländer merken müssen, wo Ihr Vereinskamerad politisch steht?“Wieder eine Pause.

Und dann sagt der Wahlbeamte Friedrich Harwig die Sätze, die mehr erklären als hundert Kilo Forschungsberichte über die gottverlassene ostdeutsche Provinz: „Wie hätte ich bei den Sprüchen darauf kommen sollen, dass er in der NPD ist? Wissen Sie, diese Ansichten über Ausländer finden Sie hier auch bei ganz gestandenen Unternehmern.“

Im ländlichen Sachsen-Anhalt liegt der Ausländeranteil bei zwei bis drei Prozent. Wer hier mit dunklerer Hautfarbe lebt als andere, der muss ausgefeilte Sicherheitsstrategien entwickeln. Sonst geht es ihm wie dem Jungen in Pömmelte, einem Dorf ganz in der Nähe von Pretzien.

Weil der 12-Jährige als Sohn eines Äthiopiers etwas anders aussah als die Einheimischen, prügelten ihn Rechtsradikale aus dem Ort 90 Minuten lang, brachen ihm die Nase und drückten Zigaretten auf seinem Augenlid aus. Niemand in Pömmelte sah etwas. So, wie auch die Honoratioren von Pretzien nicht wahrnehmen, was sie nicht wahrnehmen wollen, und Rechtsradikale eingemeinden, als ginge es um einen Anglerverein.

Bemerkenswert sind ausserdem die Leserkommentare, die fast ausschliesslich stark gebräunt aussehen und ihre Farbe gar nicht verstecken. Vox populi, sozusagen.

Die israelische „Haaretz“ bringt am 6.7. einen kurzen Beitrag von der Presseagentur Associated Press. Böhmer schäme sich, der Heppener glaube an das Gute. Die Zeitung wundert sich nicht, keine Empörung, nach dem Motto – nichts Neues… Viele amerikanische Zeitungen geben den Artikel von Reuters weiter, der von Dave Graham am 7.7. ins Netz gestellt wurde. Alles richtig, eine klare Zusammenfassung, auch keine Emotionen in Sicht. Nur das eine habe ich nicht verstanden:

This act was beneath contempt and could scarcely have been more primitive,“ the German Interior Ministry said in a statement to Reuters.

Wenn es der bekannte Freund der Blonden und Blauäugigen ist, dann würde ich gerne wissen, warum er den schwerwiegenden und folgensschweren Satz so verstohlen und unter einer so hohen Geheimhaltung sagt, so dass nur der wilde Westen davon etwas mitkriegt?

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