Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Pretzien weitet sich aus Mittwoch, 12. Juli 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 8:58 Uhr
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Die rechtsradikale Szene, die eine kleine nette Bücherverbrennung installiert hat, bleibt weiter im Gespräch. Die unschuldigen Mitbürger schauen weiter zu, die Polizei schreitet auch nicht ein.

Oliver Schlicht von der „Volksstimme“ hat mehr herausgeholt:

Der Vorfall in Plötzky (Landkreis Schönebeck) ereignete sich am 25. Mai, also etwa vier Wochen vor der Sonnenwendefeier in Pretzien. Am 24. Juni hatten sechs Mitglieder des inzwischen aufgelösten Vereins „Heimat Bund Ostelbien“ während einer Feuer-Zeremonie ein Anne-Frank-Tagebuch und eine USA-Fahne verbrannt.

Mitglieder dieses „Heimat Bund“-Vereines waren durch Hemden aufgefallen, die die Aufschrift „Wehrmacht Pretzien“ trugen. Eine Gruppe von etwa zehn jungen Männern mit solchen Hemden sorgte bereits am 25. Mai auf dem Campingplatz „Ferienpark Plötzky“ für den Abbruch einer Himmelfahrtsfeier. Der Vorfall wurde erst jetzt bekannt. Die Magdeburger Polizei, die am Himmelfahrtstag mit etwa 20 Beamten vor Ort war, bestätigte den Einsatz gestern auf Volksstimme-Nachfrage.

Nach Darstellung der Campingplatzinhaber, Astrid und Wolfgang Schulle, brüllten die Männer mit den „Wehrmacht Pretzien“-Hemden über mehrere Stunden Parolen […] Es war ein Alptraum, erinnern sich die beiden. Auch zahlreiche ausländische Gäste seien Zeugen des Vorfalls geworden.

Zuerst möchte ich darauf aufmerksam machen, dass im Text sechs und nicht wie früher drei Beteiligte an der Bücherverbrennung aufgezählt werden. Die Zahl zehn für den Vorfall im Mai ist für ein Dorf auch keine geringe Menge.

Wolfgang Schulle: „Wenig später trafen drei Einsatzfahrzeuge mit etwa 20 Beamten ein. Sie blieben zunächst neben ihren Fahrzeugen stehen.“ Die Pretziener Gruppe habe den nur etwa zehn Meter entfernten Polizisten ihre Parolen unverhohlen entgegengerufen. Astrid Schulle : „Ich habe immer gefragt: ,Hören Sie nicht, was die rufen? Warum nehmen Sie die nicht mit?‘ Aber nichts passierte.“ Stattdessen habe eine Jagd nach dem Mann eingesetzt, der die Schranke beschädigt hatte. Wolfgang Schulle: „Die Rechten und die Polizei sind zwischen Kiosk, Gaststätte und Rezeption immer hin und her gerannt.“

Nach etwa 30 Minuten sei der „Schrankenbeschädiger“ gestellt worden, die Polizei rückte ab. Eine Festnahme wegen eines Hitlergrußes habe es schließlich doch noch gegeben. „Dann ging es noch bis 20 Uhr weiter. Immer wieder wurden rechtsextreme, antijüdische Parolen gerufen“, so Wolfgang Schulle. Das Fest wurde abgebrochen. Dem privaten Sicherheitsdienst sei es schließlich gelungen, die Pretziener Gruppe vom Campingplatz zu drängen. „Es gab anschließend jede Menge bestürzte Gäste vor allem aus den alten Bundesländern. Das sei hier ja noch schlimmer als immer in der Zeitung steht, haben die gemeint“, so Wolfgang Schulle.

Die Polizei in Magdeburg bestätigte gestern einen Einsatz der Einsatzhundertschaft des Landes am besagten Abend in Plötzky. „Wir wurden wegen Sachbeschädigung gerufen. Der Mann wurde ermittelt, seine Personalien wurden aufgenommen“, so Polizeisprecher Ralph Völkel. Beim Abmarsch zu den Einsatzwagen habe sich den Polizisten ein Mann in den Weg gestellt, den Arm zum Gruß gehoben und, Heil Hitler!‘ gerufen. Völker: „Dieser Mann trug ein, Wehrmacht Pretzien‘ – Hemd. Er wurde mitgenommen und nach Magdeburg gebracht.“ Von anderen rechtsradikalen Äußerungen hat Völkel nach eigenen Aussagen derzeit keine Kenntnis. „Es war ein Einsatz unter vielen am Himmelfahrtstag“, so der Polizeisprecher.

Na wunderbar. Dieselbe Zeitung berichtet:

Innenminister Holger Hövelmann (SPD) hat die Kommunen gestern per Erlass durch das Landesverwaltungsamt aufgefordert, öffentliche Einrichtungen und Plätze nicht für rechtsextreme Veranstaltungen zu vergeben. Er reagierte damit auf die Verbrennung eines Exemplars des Tagebuchs der Anne Frank in Pretzien und auf eine als Kinderfest getarnte NPDVeranstaltung in Bad Kösen.

Der Innenminister betonte, alle Ebenen der öffentlichen Verwaltung trügen gemeinsam Verantwortung dafür, die demokratische Zivilgesellschaft zu stärken. „Rechtsextreme, antisemitische und ausländerfeindliche Parolen dürfen keinen öffentlichen Raum finden“, sagte Hövelmann. Zugleich kündigte er an, Verfassungsschutz und Polizei würden ihre Erkenntnisse über bevorstehende rechtsextreme Aktionen den Kommunen verstärkt vorab zur Verfügung stellen. Die interne Kommunikation müsse optimiert werden, sagte er. Hövelmann: „Wir wollen die handelnden Akteure vor Ort für das Thema sensibilisieren. Sie sollen genauer hingucken, wer sich anmeldet.“ Und: „Wir müssen jede Möglichkeit nutzen, um die Situation zu verbessern. Das ist nur ein Baustein von vielen, aber ein ganz wesentlicher. […] Morgen will das Land ein Zeichen gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus setzen. Ab 10 Uhr werden in den Berufsbildenden Schulen des Landkreises Schönebeck Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU), der amerikanische Generalkonsul Mark D. Scheland, Landtagspräsident Dieter Steinecke (CDU), Justizministerin Angela Kolb (SPD) sowie der Schauspieler und Theaterintendant Peter Sodann aus dem Tagebuch der Anne Frank vorlesen. Es folgt eine Diskussion mit Schülerinnen und Schülern. Im Anschluss ist ein nichtöffentliches Gespräch Böhmers mit Bürgern von Pretzien geplant.

Gut, immerhin etwas kommt in Bewegung. Allerdings bei weitem noch nicht alles. Nur bei den Linken kann man das inzwischen nicht anderswo zugängliche Foto des ehemaligen Innenministers Sachsen-Anhalts Klaus Jeziorsky und des Bürgermeisters von Pretzien Friedrich Harwig mit den netten „Jugendlichen“ aus dem inzwischen aufgelösten „Heimatbund Ostelbien“ sehen. Na, dann will ich das Foto wiederholen:

Über das Verhalten der Ehefrau des ehemaligen Innenministers bei der Bürgerversammlung haben mehrere Beobachter schon erzählt. Wir sind geduldig und können länger warten.

Weltweit kommen weitere Reaktionen. Komisch kommentiert die britische „Mirror“ die Ereignisse:

It is not true that Germany has completely reinvented itself.

In the middle of the World Cup, 100 German neo- Nazi skinheads smashed up a midsummer festival in Pretzien, a village in the former East Germany. The neo-Nazis used a copy of The Diary Of Anne Frank as a football, built a bonfire and burned it.

And anyone who thinks that Germany is a successful multi-racial country should try talking to the German of Ethiopian descent who was nearly kicked to death in Potsdam on Easter Sunday.

There is still something rotten at the heart of Germany that only a fool could deny. It is fuelled by the messy aftermath of Communism, the sluggishness of the German economy and by the stupidity of young men who can’t see that Nazism was an act of national suicide.

Die Zahl 100 beteiligter Neonazis ist bis jetzt die größte Erfindung, ich glaube, die Bewohner Pretziens werden sich darüber freuen. So oder so, der Autor Tony Parsons meint das offensichtlich gut, im Sinne: Das ist nicht zu viel für die Verhältnisse.

Interessant verharmlosend ist dagegen die Meldung der dpa, die am 6.7.2006 verbreitet und kaum beachtet wurde. Mehr Kommentare gibt es nicht. Ist das gut oder schlecht?

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2 Responses to “Pretzien weitet sich aus”

  1. peetgp Says:

    Danke für die Korrektur!


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