Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Pro Nolte oder contra Habermas? Donnerstag, 13. Juli 2006

Filed under: Deutschland,Medien,Politik — peet @ 17:07 Uhr
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Vor zwei Tagen hat Sven Felix Kellerhoff die Stafette übernommen. Es soll eine Debatte über die Historikerdebatte werden. Neulich hat sich Götz Aly dazu geäußert, mit viel wenn und aber. Aly kann man verstehen, ihm geht es um die Verarbeitung und gegebenenfalls Sprengung der geschichtlichen Schemata:

Eine Geschichtsschreibung, die solche Fakten aufnimmt, darf den Holocaust und die zentrale Verantwortung der Deutschen nicht relativieren; das je Spezifische ist zu unterscheiden: Die einen flohen nach West-Berlin, die anderen wurden aus dem Sudetenland nach Bayern deportiert, die Juden aber wurden ermordet. Dennoch muss eine Geschichtsschreibung, die sich ernst nimmt, die Muster erkennen und auch Fäden der Gewalt- und Fortschrittsgeschichte Europas im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts aufnehmen, um Auschwitz historisch zu lokalisieren.

Das wird Missverständnisse hervorrufen und neuen Streit. Er wäre jedoch produktiver als eine Geschichtspolitik, die Zusammenhänge ignoriert und die unterschiedlichen, aber untergründig verbundenen Gewaltgeschichten gegeneinander und von den vermeintlichen oder auch tatsächlichen Fortschritten abschottet. Eine Prise Nolte wird dabei nicht schaden, aber vermutlich zu ganz anderen Ergebnissen führen, als sie sich der monokausal fixierte »Geschichtsdenker« träumen lässt.

Die Antworten auf Nolte setzten die Lust am Fragen und feste empirische Grundlagen voraus, wie sie von Raul Hilberg gelegt worden sind. Im Zentrum einer umfassenden historischen Einordnung hätten die verschiedenen Formen der ethnisch und sozial begründeten Massenmobilisierungen und »Säuberungen« zu stehen. Ihre äußerste Form erreichten sie in den Angriffskriegen des nationalsozialistischen Deutschlands und dem damit verbundenen Mord an den europäischen Juden. Historisch gehört der Holocaust in dieses politische Kraftfeld. Deshalb bleibt er der Fluchtpunkt für jede Analyse der gewalttätigen Bruch- und Übergangsepoche der europäischen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Das Beispiel, welches Aly positiv bewertet, ist das Buch Die Vernichtung der europäischen Juden von Raul Hilberg. Daraus lässt sich leicht schliessen, in welche Richtung Aly denkt und gehen will. Klar, dass es nicht alle verstehen wollen. Die „Junge Welt“ wittert Gefahr auf der einen Seite:

Damit löst Aly die alte revisionistische Totalitarismustheorie von Ernst Nolte aus ihrem konservativen Kontext und reichert sie mit rechtsliberalen Gemeinplätzen eines Friedrich August von Hayek an. Formulierte Nolte einen Antitotalitarismus auf der Höhe des Kalten Krieges, so formuliert Aly den Antitotalitarismus auf der Höhe des Neoliberalismus.

Kellerhoff – als Vertreter der anderen Seite – wagt es nicht, sich mit Aly anzulegen. Er meint, leichteres Spiel mit Habermas zu haben, und wählt den Auftritt des großen Philosophen vor zwanzig Jahren als Angriffszielscheibe und spricht ihm für den Anfang die Kompetenz ab:

Tatsächlich hatte der Frankfurter Sozialphilosoph ja sogar selbst eingeräumt, „ohne fachliche Kompetenz“ zu urteilen. Doch das brachte 1986 nur wenige dazu, seine vehement vorgetragene Anklage skeptisch zu lesen.

Kellerhoff weiß das besser. Er macht kurzerhand Habermas für den Historikerstreit verantwortlich:

Gemeinhin gilt Ernst Nolte als Urheber dieser Diskussion. Allerdings begann der Historikerstreit gar nicht am 6. Juni 1986 mit Noltes Artikel „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, sondern erst fünf Wochen später: Heute vor genau zwei Jahrzehnten beschrieb Jürgen Habermas in einem Aufsatz in der „Zeit“ angebliche „apologetische Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“. Die Polemik des Frankfurter Sozialphilosophen trug den Titel „Eine Art Schadensabwicklung“.

So geht es dann ununterbrochen weiter. Nebenbei bezeugt der Autor die Wahrhaftigkeit der Hauptthese Habermas‘:

Dabei erweist sich erstens, daß zentrale Thesen Ernst Noltes tatsächlich nicht haltbar sind.

Muss man dann überhaupt noch weiter lesen? Tja, es kommt darauf an. Kellerhoff findet schon seine Nebenkriegsschauplätze. Ihm geht es um die „linke“ Deutung der aktuellen Politiklage Deutschlands. Der Historikerstreit ist somit eine „falsche“, weil linke Interpretation. Warum? Weil Habermas links denkt. Ganz einfach also. Kellerhoff meint, als Historiker den Philosophen auf dem Gebiet der historischen Themen mit links besiegen zu können. Am Ende fällt er durch, da er auf dem Gebiet der Geschichtsphilosophie Habermas nicht gewachsen ist.

Im folgenden Absatz wurde Habermas (für seine Verhältnisse) recht verständlich: „Wer auf die Wiederbelebung einer in Nationalbewußtsein naturwüchsig verankerten Identität hinauswill, wer sich von funktionalen Imperativen der Berechenbarkeit, der Konsensbeschaffung, der sozialen Integration durch Sinnstiftung leiten läßt, der muß den aufklärerischen Effekt der Geschichtsschreibung scheuen und einen breitenwirksamen Pluralismus der Geschichtsdeutungen ablehnen.“
Übersetzt in Klartext: Die vier konservativen Historiker wollten angeblich die Last der Nazi-Vergangenheit abschütteln und den Pluralismus der Bundesrepublik durch eine oktroyiertes Geschichtsbild ersticken. Dazu seien auch die nationalen Geschichtsmuseen in Bonn und Berlin gedacht, die mit „volkspädagogisch wirksamen Ausstellungsgegenständen“ einen „Neuen Revisionismus“ umsetzen sollten. Das sei bedrohlich, denn: „Wer die Deutschen zu einer konventionellen Form ihrer nationalen Identität zurückrufen will, zerstört die einzig verläßliche Basis unserer Bindung an den Westen.“
Heute wiedergelesen, wirkt Habermas‘ Szenario vom 11. Juli 1986 abstrus. Das hat natürlich einerseits mit der veränderten weltpolitischen Lage zu tun: Die deutsche Einheit hat die Streitfrage der deutschen Identität entspannt. Auch von einer Abkopplung vom „Westen“, also von Europa und den demokratischen Traditionen angloamerikanischer Prägung, kann keine Rede sein. Andererseits traten auch Habermas‘ geschichtspolitische Sorgen nicht ein: Die NS-Verbrechen sind heute im Geschichtsbewußtsein der Gesellschaft weitaus präsenter als 1986, und das Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn sowie das Deutsche Historische Museum in Berlin widerlegen ihn tagtäglich aufs Neue.

Der für Kellerhoff recht unverständliche Habermas hat zum Leidwesen der „Welt“ Recht. Das Gegenteil kann Kellerhoff mit seiner Rhetorik nicht beweisen. Es geht hier um keine Verschwörung einer Regierung oder einer Gruppe der Historiker, wie Kellerhoff das auslegen will. Es geht um eine Tendenz, die Kellerhoff mit seinem Beitrag bestens nachweist. Für ihn ist die Verarbeitung der NS-Vergangenheit durch zwei Museen und zwei Filmschnulzen die Widerlegung. Umsomehr ist der Auftritt von Habermas auch heute aktuell.

Bei allem Respekt: Wenn Kellerhoff mit Revisionisten streitet, ist es zu begrüßen. Es ist eine Freude zu sehen, wie er zum Beispiel einen Fritjof Meyer belehrt. Das ist offensichtlich seine Kampfgröße. Damit kommt er klar. Wenn er Hans Mommsen zu dessen gefühlvoller Meinung über den Film „Dresden“ fragt oder eine belanglose Diskussion über den Film „Untergang“ nacherzählt oder Goldhagen zu den Hintergründen des Christentums belehrt, – das alles macht er spitze, weil er offensichtlich ein versierter Journalist ist.

Wenn er sich allerdings auf dem professionellen Boden versucht, kann es auch mal schiefgehen. Die Neuen Rechten haben ihn schon mal des besseren belehrt. Die Linken haben ihn bei der unethischen, gar unprofessionellen Behandlung eines Buchs erwischt. Sein neues Buch scheint belanglos zu sein, wenn man einem Kritiker glauben soll. Sogar Blogger finden an ihm keinen Gefallen, wie zum Beispiel ein Wolfgang. Vor zwei Jahren hat Kellerhoff den Historiker Hannes Heer angegiftet (der ist doch auch ein „Linker“), jetzt soll Habermas an die Reihe kommen. „Die Welt“ arbeitet. Joachim Fest (der neulich durch Schäuble gewürdigt wurde) und Arnulf Baring (Link) können sich ausruhen. Wann wird Kellerhoff von der „Jungen Freiheit“ interviewt? Bitte informieren, das möchte ich nicht verpassen.

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