Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Eine inkommensurable Philosophie Mittwoch, 2. August 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 17:39 Uhr
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Peter Sloterdijk bleibt dem Konflikt im Nahen Osten nicht fern. Der Philosoph muss laut denken, wenn er interviewt wird. Für die Zeitung „Kölner Stadt-Anzeiger“ wurde es zum Anlass, das Interview mit ihm kommensurabel zu betiteln:

Dass nicht alle im Kessel verrückt werden

Damit endet Sloterdijk im Interview, so dass wir noch einmal darauf kommen werden, was er hier meint und was daraus durch den Titel wird. Die Passage, die mich interessiert, beginnt mit einer unschuldigen Feststellung des Journalisten:

Auch für Israel fürchten Sie noch mehr Attacken von außen.

Eine berechtigte Frage, die eigentlich nur mit einem „ja“ zu beantworten wäre, wäre sie als eine Frage geäußert worden. Ein Philosoph findet aber den Ausweg aus jeder auswegslosen Situation und mehr Worte, um weniger deutlich zu werden:

SLOTERDIJK: Israel ist eine Nation, die begonnen hat, den Zustand des Krieges mehr denn je zu verinnerlichen. Die Israelis erleben den Ausnahmezustand als Dauerzustand. Das macht die Entscheidungen eines solchen Landes zunehmend moralisch inkommensurabel.

Durch die Vermeidung der Ja-Antwort und die Übersetzung der aktiven Rolle in eine passive geschieht ein Wunder. Israel verinnerliche den Zustand des Krieges, dazu noch mehr denn je. Weder sei Israel angegriffen noch greife an, es sei vielmehr der existenzielle Zustand, das Erleben des Ausnahmezustandes als Dauerzustand durch eine sowieso kafkaeske Nation, die im Unterschied zu allen anderen Nationen begonnen habe, dies endlich zu verinnerlichen. In dieser Darstellung ist Israel kriegerisch, weil es nicht anders kann. Nicht anders – weil es einfach so ist, aus dem Innern der Nation heraus. Klar, wenn man so lebt, wird man verrückt. Dann sind Entscheidungen eines solchen Landes auf die Dauer nicht als normal zu erachten. Inkommensurabel bedeutet irrational, in diesem Kontext. Der große Moralist führt Israel vor: Eine Nation, die ohne den Krieg nicht leben kann und sich moralisch vollkommen daneben benimmt. Oha!

Der Journalist wird ungeduldig und will das Wort „inkommensurabel“ anders deuten:

Diese sind dann unvergleichbar?

Der große Logiker belehrt ihn:

SLOTERDIJK: Was immer getan wird, es wird dilemmatisch. Im Dilemma kann man nur zwischen Fehlern wählen.

Israelis seien nicht nur existenziell amoralisch, sie können nicht anders. Es gäbe für sie keinen Ausweg, sie hätten immer nur zwei Lösungen vor Augen und müssten sich immer dazwischen entscheiden. Und weil Sloterdijk für sie für immer nur zwei Lösungen parat hat, können sie nur verlieren, weil der große Scherzkeks vorsorglich für sie nur fehlerhafte Lösungen ausgesucht hat.
Der Journalist versteht langsam die Ausweglosigkeit auch seiner eigenen Lage und kann nicht einmal eine Frage richtig formulieren, er stottert:

Diese Ausweglosigkeit kennzeichnet auch den aktuellen Konflikt?

Der große Seelsorger merkt das und beruhigt ihn:

SLOTERDIJK: Man muss darauf gefasst sein, dass die israelische Festung sich immer weiter in sich selber vergräbt. Die größte Leistung Israels wird dann wohl darin bestehen, dass nicht alle im Kessel verrückt werden.

Philosophen wollten schon immer prophezeien, am besten sibyllisch. Israel sei eine Festung und werde sich in sich selber vergraben müssen, immer weiter. Ich darf dazu anmerken, ohne jetzt frech werden zu wollen, dass der kafkaesk denkende Seher von einem „Schloss“ ausgehend einem Staat wünscht, „Festung“ zu werden, um zu bestehen. Israel könnte das gebrauchen, nur ist diese Prophezeiung schwer zu verwirklichen. Auf diese Weise prophezeit Sloterdijk dem Staat den Untergang auf seine feine dilemmatische Weise, weil er den anderen Philosophen überlässt, dialektisch zu denken. Aporien sind ihm angenehmer und lassen sich leichter im Rahmen eines Interviews darlegen, so dass der Journalist endlich verstummt.
Die Zeitung macht sich auf eine aberwitzige Weise lustig mit der Wahl des letzten Nebensatzes zum Titel der Publikation. Israel ist eingekesselt und wird zum Untergang verurteilt. Ein Trostwunsch wird ausgesprochen: Ade , Leute, nur nicht verrückt werden. Wir werden über euch weiter moralisch plaudern, am besten kommensurabel. Wenn wir das nicht schaffen sollten, dann wenigstens kommerziell. Oder immensurabel? Oder immens? Vielleicht noch mehr schön klingende Worte, um als philosophisch durchzukommen?

Ein Tüpfelchen habe ich noch: Im hochgeschätzten Blog „Die Achse des Guten“ hat Hannes Stein im oben zitierten Text „lauter vernünftige Sachen“ entdeckt. Wenn das kein Erfolg des Orakels von Karlsruhe ist?

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