Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Die „Süddeutsche“ berichtet Dienstag, 8. August 2006

In der heutigen Ausgabe gibt es folgende große Schlagzeile:

40 Tote bei Angriff auf Hula

Libanons Premier wirft Israel Staatsterrorismus vor

Online (seit dem 7.8. um 14:20) steht ein ganz anderer Text mit einem ganz anderen Titel (Link):

40 Tote bei Luftangriff,

Premier bricht in Tränen aus

Kein Dementi weit und breit, „ein entsetzliches Blutbad“ wird ausgemalt. Der Israel-Korrespondent der Zeitung Thorsten Schmitz schreibt bei der SZ-Online (nicht bei der „Süddeutschen“!) dazu (Link):

Widersprüchliche Angaben gab es zu einem israelischen Angriff auf das südlibanesische Dorf Hula. Dabei seien bis zu 40 Menschen getötet worden, sagte der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora bei der Sitzung der Außenminister der Arabischen Liga in Beirut. Am frühen Abend dementierte der Regierungschef jedoch diese Zahl und verwies auf Polizeiangaben, die von einem Todesopfer sprachen.

„Widersprüchliche Angaben“, aha. Seit dem späten Montag, seit 23 Stunden (07.08., 18.00 Uhr) wissen alle, die Nachrichten lesen können, dass es nur ein Opfer gab, nur nicht die „Süddeutsche“, nur nicht ihr Israel-Korrespondent! Warum?

Weil die Zeitung sehr beschäftigt ist. Man muss Fotos sorgfältig auswerten und darf keine inszenierten „Kana-Massaker“-Fotos dabei auslassen (Link), auf kein Dementi reagieren und munter weiter Lügen verbreiten (Link):

56 Menschen wurden bei dem Luftangriff getötet – darunter 37 Kinder. Foto: dpa

Auf keinen Fall dabei einen Hisbollah-Kämpfer mit einer Waffe zeigen – nur israelische Soldaten, Waffen und ihre Opfer. Von 104 Fotos zeigen höchstens 4 Bilder verängstigte Israelis, mehr nicht.

Noch mehr beschäftigt sich die Zeitungsredaktion mit der Suche nach „guten Juden“, die Prantls Kritik (Link) bestätigen müssen. Und wie durch ein Wunder – so einer wird sogar im Zentralrat gefunden, sein interner Brief wird als pdf-Datei bereitgestellt, mit seinem Foto, seiner mailadresse und Telefonnummer, damit keiner zweifelt (Link). Der Mann redet blödes Zeug und ist genauso verängstigt wie schon zwei Frauen vor ihm, die die Zeitung sorgsam ausgesucht hat, damit Tony Judt nicht alleine da steht (siehe entsprechende Kategorien in diesem Blog). Sogar die solidarische Unterstützung seitens Avnery wird nicht verschwiegen. Unten steht der Link zum Artikel von Prantl!

Wenn man so ein Glück hat und schon drei deutsche Juden gefunden hat, die genauso wie Avnery und Avenarius denken, kann man sich denn überhaupt noch um die Genauigkeit kümmern? 40 oder 1 Opfer – wer will das noch wissen?

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One Response to “Die „Süddeutsche“ berichtet”

  1. Der Nahost-Konflikt und seine Wirkung auf die Medien

    “Im Krieg sind es die Zivilisten, die leiden…” So oder so ähnlich ist es derzeit in allen Berichten zu lesen und zu hören. Grundsätzlich richtig, doch nicht nur die Zivilisten leiden, auch die Berichterstattung hat mit Kollateral…


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