Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Zweimal Grass und mehr Montag, 14. August 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 19:24 Uhr
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Der stellvertretende Chefredakteur der „Süddeutschen“ Kurt Kister hat einen moralisierenden und an sich gelungenen Text geschrieben. Nur ein Satz darin will nicht sitzen:

Die Tatsache, dass Grass in der SS gedient hat, ist genauso wenig verwerflich wie der SS-Dienst vieler sehr junger Deutscher gegen Kriegsende.

So eine Leichtigkeit beim Schreiben möchte ich nicht haben…

[UPDATE: Kister erfüllt die Prophezeiung Broders, am selben Tag ausgesprochen (Link):
Ärgerlich an der Affäre ist nur eines: Dass auf dem Umweg über Grass die Waffen-SS rehabilitiert wird. Wenn Grass dabei war und sich die Hände nicht schmutzig gemacht hat, können die Jungs so schlimm nicht gewesen sein, eine kämpfende Truppe eben, mit einem etwas abgehobenen Bewusstsein, der Rohstoff aus dem Romane geformt werden.]
Von vielen Kommentaren zum selben Thema, die heute erschienen sind und fast alle auf die bekannte Weise Grass spiegeln (ich meine heucheln, genauso wie Walser und Fest), hebt sich in einer erfrischenden Weise ein Artikel in der NZZ ab. Roman Bucheli sagt da unter anderem Folgendes (Link):

Die «FAZ» – die sich in dem Interview nicht durch hartnäckiges Nachfragen profiliert – spielt Grass gegen Ende des Gesprächs das Stichwort Celan zu. Grass lebte in den späten fünfziger Jahren vier Jahre in Paris und war damals mit Paul Celan befreundet. Über ihn lesen wir nun: «Meistens war er ganz in die eigene Arbeit vertieft und im Übrigen von seinen realen und auch übersteigerten Ängsten gefangen.»

Keinen Gedanken scheint Grass darauf verschwenden zu wollen, dass Celans «übersteigerte Ängste» gerade in solchen gespenstischen Leerstellen des Schweigens, wie sie nun Grass einräumt, ihren Grund gehabt haben könnten. Nicht auszudenken, wenn Celan erfahren hätte, dass sein Freund Mitglied der Waffen-SS gewesen war. Süffisant fügt Grass seinen Erinnerungen an Celan nun hinzu: «Wenn er seine Gedichte vortrug, hätte man Kerzen anzünden mögen.»

Der Hamburger Germanist Klaus Briegleb sprach vor einiger Zeit von der «angemassten moralischen Unbescholtenheit», die zusammen mit einer «einzigartigen Praxis des Vergessens» im Kreis der Gruppe 47, deren prominentes Mitglied Grass war, am Gedeihen eines deutschen Antisemitismus nach der Shoah mitgewirkt habe. Günter Grass liefert – mit etwas Verspätung – den schlagenden Beleg für die These.

Ich hoffe, das erreicht den Nobelpreisträger Grass und sitzt.

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