Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Zeitungen grassieren Freitag, 18. August 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 21:46 Uhr
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Von inzwischen unzähligen Bekenntnissen zum Thema Grass-Bekenntnis möchte ich auf eine Folge hinweisen. In der „Frankfurter Rundschau“ äußerte sich Hans Mommsen sehr ausführlich über die Verlogenheit der Kritik. Zum Schluß musste er noch mehr sagen (Link):

Das sich anbahnende Spießrutenlaufen verkennt nicht nur, dass dem Siebzehnjährigen die formelle Zugehörigkeit zur Waffen-SS schwerlich zum Vorwurf zu machen ist, sondern auch das Recht des einzelnen auf eine private Bewältigung des umfassenden Wertezerfalls, der mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes eintrat und bei denen, die sich seiner bewusst werden, Sprachlosigkeit, ja Verdrängung auslöst. Dass sich Grass jetzt im Zuge seiner autobiografischen Darstellung entschließt, die Erinnerung an diese kritische Wende seiner Jugend vorbehaltlos aufzudecken, sollte von allen kritischen Denkenden begrüßt werden, wird aber von einer sensationslüsternen Öffentlichkeit zum Anlass genommen, um Günter Grass als unglaubwürdig hinzustellen, während die politischen Kontrahenten bereit stehen, sein politisches Vermächtnis in Stücke zu schlagen. Paradoxe Schulterschlüsse entstehen, die den Zentralrat der deutschen Juden, wie zu sehen war, nicht ausnehmen.

Zwei Kleinigkeiten sind hier auffällig. Mommsen stellt fest, dass der „umfassende Wertezerfall“ mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes eintrat. Das bedeutet in der Folge, dass davor alles im Butter war. Die Werte waren einfach wunderbar. Ich würde vorschlagen, den Historiker zu dieser Merkwürdigkeit einmal zu befragen.

Zweitens findet Mommsen ganz wichtig, bei allen Kritikern speziell den „Zentralrat der deutschen Juden“ anzuprangern. Dabei verwendet der Historiker die Formel aus der NS-Zeit, denn den aktuelle Zentralrat heißt anders, nämlich der Zentralrat der Juden in Deutschland. Klar, dass der Zentralrat auch für Mommsen die Moralinstanz ist, gegen welche er antreten muss.

Am nächsten Tage meldet sich die FAZ und belehrt den Historiker. Einige Leser mit schwachen Nerven würden erwarten, dass die FAZ die soeben zitierte Stelle auseinandernimmt. Patrick Bahners weiß aber auch über Hitler alles besser als Mommsen. Um das zu beweisen, wird Bahners persönlich und erinnert Mommsen an dessen Familienmitglieder. Seine pauschalisierende Schlussfolgerung (Link):

So führt Wilhelm Mommsens Sohn die nationalliberale Lehre von der Nation als moralischer Person ad absurdum.

Bahners als Moralist und die FAZ als Stimme der Nation, fein-fein. Bahners verteidigt die Nation vor Mommsen, wie mutig. Das funktioniert folgendermaßen:

War die Umkehr der Unschuldsvermutung, der Wahnwitz, sozusagen von den Kindersoldaten von Bitburg den Beweis zu verlangen, daß ihre Gräber den Friedhof nicht kontaminierten, keine Folge des Wertezerfalls von 1945?

Kindersoldaten von Bitburg?.. Mich beeindruckt aber noch vielmehr, dass Bahners den „Wertezerfall von 1945“ dankend übernimmt. Geht es noch scheinheiliger?

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