Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Volkmar Sigusch über das sexuelle Verhalten in Deutschland Sonntag, 1. Oktober 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 17:09 Uhr
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In einem Interview für die „Süddeutsche“ skizziert Volkmar Sigusch, nach seiner Schilderung einer der letzten Sexualwissenschaftler dieses Landes, die Lage auf seinem Gebiet. Einige Fragmente daraus (Link):

Es ist vor allem schwierig, Liebe zu stabilisieren. Und viele Menschen sind unbefriedigt! 95 Prozent der sexuellen Ereignisse finden in festen Beziehungen statt – und die 24 Prozent Singles müssen mit ein paar Prozent zurechtkommen. Gleichzeitig wird von den Medien und der Werbung vorgemacht, es könnte jeder Mann die tollsten Frauen haben. Das ist alles nicht die Realität!
(…) Es gibt nur noch das Institut in Hamburg, das zur Psychiatrie gehört, aber immerhin selbstständig ist. An der Berliner Charité gibt es ein kleines medizinisches Institut, das aber Positionen vertritt, die ich nicht teile. Und in Kiel gibt es eine kleine Forschungs- und Beratungsstelle. Alles in der Hand der Medizin. Die Sozialwissenschaft ist raus.

In einem (allerdings ansonsten vulgärmarxistischen) Artikel kann man nachlesen (Link):

Wenn aktuelle Erhebungswerte zutreffen, haben 35jährige Singles eine geringere Koitusrate als eine verheiratete 60jährige Hausfrau. Neueste Untersuchungsergebnisse lassen selbst daran zweifeln, ob zwischen den Jugendlichen der sexuelle Umgang unkomplizierter geworden ist, als es vor drei Jahrzehnten der Fall war. Sie wissen mehr über sexuelle Techniken, ohne aber daß von Aufklärung gesprochen werden kann, die ein erweitertes Maß an Selbstbestimmung ermöglichte.

Der Sexualforscher Volkmar Sigusch zeichnet die Welt der gegenwärtigen Sexualbeziehungen mit ihrem Egoismus und Dispersionen, ihren bizarren Ersatzhandlungen und narzißtischen Inszenierungspraktiken, ihrem kalten Selbstbefriedigungsdrang (der Kinderprostitution, Sextourismus und Gewaltpornographie mit einschließt) und ihrer ästhetisierten Lustlosigkeit als ein Horrorgemälde in der Tradition Hieronymus Boschs.

Siguschs Kommentar zu der WM-Kampagnie gegen Zwangsprostitution ist auch lesenwert (Link):

„Prostitution gehört in diese Gesellschaft wie das Amen in die Kirche“, sagte Volkmar Sigusch, international renommierter Sexualwissenschaftler der Frankfurter Universität. Die WM-Kampagne gegen Prostitution sei „an Bigotterie nicht mehr zu überbieten“. Die Debatte sei „von A bis Z verlogen, was mich schrecklich aufregt“, gestand Sigusch. Prostituierte seien nicht würdelos, betonte er. Sie leisteten vielmehr „eine Art Sozialdienst“, indem sie vor allem „aggressiv veranlagte junge Männer besänftigen“. Wer von Zwang und Menschenhandel spreche, sollte seinen Blick auf den Bereich der privaten häuslichen Kranken- und Altenpflege richten, wo ebenfalls viele ausländische Frauen ohne Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis „zum Teil wie Sklaven behandelt und schlecht bezahlt werden“. Würde die Polizei dort einmal Razzien machen, müsste sie in viele „gut bürgerliche Haushalte eindringen“, vermutet Sigusch.

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