Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Warum gehen Bassam Tibi und Ayaan Hirsi Ali? Samstag, 7. Oktober 2006

Filed under: Deutschland,Islam,Medien,Politik — peet @ 18:26 Uhr
Tags: , ,

Diese Frage beantworten sie unabhängig voneinander, aber auf eine ähnliche Weise. Monolithische Kulturen, in diesem Fall Deutschland und Holland, werden hier mit ihren dunklen Seiten konfrontiert. Es ist bitter, dass die beiden gehen (immerhin in die USA und dazu noch in gute Hände). Es ist damit zu rechnen, dass der Präsident der Universität in Gottingen nicht zurücktritt wie seine holländische Minister-Kollegin. Dies wird aber offen gelegt und klar sichtbar als große Schande für Deutschland gezeigt. Angeprangert. Das tut gut.

Die wichtigsten Texte der letzten Tage in diesem Zusammenhang:

ein Interview mit Bassam Tibi bei „Spiegel“ (Link). Daraus einige Fragmente:

Selbst die verhältnismäßig moderate türkische Organisation Ditib sagt, es gebe keinen Islamismus, es gebe nur Islam und Muslime – alles andere sei Rassismus. Dann können sie Religionskritik nicht mehr leisten. Der Rassismusvorwurf ist eine in Deutschland sehr wirksame Waffe. Das wissen die Islamisten: Wenn sie den Vorwurf erheben, jemand schüre das „Feindbild Islam“, macht die europäische Seite einen Rückzieher. Mich hat man auch mit diesem Dreck beworfen, dabei kann meine Familie ihre Genealogie zurückverfolgen bis Mohammed, und ich selbst kann den Koran auswendig. (…)

Die Muslime müssen sich von drei Dingen trennen, wenn sie Europäer werden wollen, und zwei Dinge neu definieren. Sie müssen Abschied nehmen von der Pflicht, andere zu missionieren, und vom Dschihad. Denn das bedeutet nicht nur Pflicht zur Selbstanstrengung – Dschihad heißt auch Einsatz von Gewalt zur Verbreitung des Islam. Und die dritte Sache ist die Scharia, das islamische Rechtssystem, das unvereinbar ist mit dem Grundgesetz. (…)

Pluralismus und Toleranz sind Bestandteil der Moderne. Damit muss man sich arrangieren. Aber Pluralismus heißt nicht nur Vielfalt, sondern dass wir dieselben Regeln und Werte teilen, aber dennoch anders sind – auf dieser Basis. Im Islam gibt es das nicht. Genauso wenig wie Toleranz. Im Islam bedeutet Toleranz, dass Christen und Juden unter der Herrschaft der Muslime als Schutzbefohlene leben dürfen, aber niemals als gleichberechtigte Bürger. Was die Muslime Toleranz nennen, ist nichts anderes als Diskriminierung. (…)

Wir brauchen auch bei den Deutschen einen Kulturwandel. Es kann nicht sein, dass nur der, der hier geboren ist und ethnisch deutsche Eltern hat, als Deutscher gesehen wird. Dabei haben schon fast 20 Prozent der Menschen, die in Deutschland leben, einen Migrationshintergrund. Das Problem ist: Deutschland kann den Fremden keine Identität anbieten, weil die Deutschen selbst kaum eine haben. Das ist wohl eine Folge von Auschwitz. Die Stärke Amerikas ist, dass es in eine Gemeinschaft aufnehmen kann.

ein Artikel von Bassam Tibi im „Tagesspiegel“ (Link). Daraus:

Auf Dauer fühle ich mich fremd in diesem Land und werde entsprechend behandelt. Ich wandere aus, weil ich dieses Fremdsein nach 44 Jahren nicht mehr ertrage. Klar ist, dass ich, der schwer Integrierbare, kein Einzelfall bin. Die Mehrheit der hier lebenden „Ausländer“ ist als fremd einzuordnen; selbst ethnisch Deutsche aus Zentralasien, die auf der Basis ihres angeblich deutschen Blutes hineingelassen wurden, entdecken hier ihr Russischsein und fühlen sich genauso wie ich. Warum? Weil uns dieses Land keine Identität gibt. Dem „Spiegel“ sagte ich: „Wenn die Deutschen nach Auschwitz keine Identität haben, wie können sie dann Fremden eine geben?“ Statt zusammen mit uns Fremden an der Entfaltung einer zivilgesellschaftlichen Bürgeridentität zu arbeiten, entwickeln sich „die Deutschen“ – so der prominente Deutsche Mario Adorf – zu einem „Volk von Miesmachern“.

Ich wandere auch aus, weil ich glaube, Deutschland mehr zu lieben, als viele Deutsche es je getan haben. Aber ich habe es satt, ein „Syrer mit deutschem Pass“ zu sein, der seinem miesepetrigen Gastvolk dafür danken soll, dass ihm die Erfüllung des „deutschen Bürgertraums“ (laut „Zeit“-Artikel) gewährt wurde. Das Leben als C3-Professor an der Provinzuniversität Göttingen als „deutschen Bürgertraum“ zu bezeichnen, ist erbärmlich. Vor 1933, als jüdische Gelehrte an ihr wirken durften, hatte diese Universität einen großen Namen. Seit deren „Ausmerzung“ ist sie nicht mehr das, was sie einmal war. Warum habe ich es so lange in Göttingen ausgehalten? Ich blieb aus Liebe zu meiner Göttinger Frau, die an ihre Familie gebunden war. Und: Deutschland ist größer als Göttingen, bloß nicht für Ausländer. Auch meine Liebe zur deutschen Sprache und Kultur hat mich in diesem Land gehalten.

Was den Fremden – und vielen deutschen Weltbürgern – in der politischen Kultur Deutschlands fehlt, ist das, was die Amerikaner „sense of belonging“ (Zugehörigkeitsgefühl) nennen. Wenn nach 40 Jahren des Schaffens an einem modernen Islam, an Konzepten der Integration und an einem zivilgesellschaftlichen Konsens meine Bücher als „semi-wissenschaftlich“ tituliert werden, wenn der Bundestagspräsident die Leitkulturdebatte – ohne meinen Namen als Schöpfer des Begriffs zu nennen – neu beleben will, die Kanzlerin mich von ihrem Integrationsgipfel ausschließt und der Innenminister einen verhunzten deutschen Islam dem europäischen Islam vorzieht, dann frage ich mich, was ich hier noch soll.

ein „Lebensbericht“ von Bassam Tibi (Link). Daraus:

Meine Liebe zu Deutschland und seiner Universität wurde in den vergangenen Jahrzehnten nicht mit Gegenliebe, sondern mit Ausgrenzung und Verachtung erwidert. (…) Wie bereits ausgeführt, folgte ich 1973 der Berufung an die Universität Göttingen ohne zu ahnen, dass ich nach 32 Jahren Lehr- und Forschungstätigkeit in Göttingen selbst Gegenstand einer Aktion werden würde, die von dem angeführten Universitätspräsidenten Kurt von Figura öffentlich mit den in der demokratischen Presse mit Befremden aufgenommenen Worten „Schwachstellen ausmerzen“ tituliert wurde. Es folgten Diffamierungen in Bezug auf die erbrachten wissenschaftlichen Leistungen. Bemerkenswert und erstaunlich ist, dass sich keiner der Professoren aus anderen sozialwissenschaftlichen Fächern über den Jargon der „Ausmerzung der Schwachstellen“ empört hat. Das ist auch Göttingen! (…) Hätte ich nicht das oben beschriebene Doppelleben, das mich an 30 Universitäten auf vier Kontinenten geführt hat, wäre ich in Göttingen geistig verarmt. Mich ermutigt es und es erhält trotz allem meine Liebe zu Deutschland, dass es außer dem Göttinger Universitätspräsidenten und der ihn unterstützenden Lokalzeitung in der Bundesrepublik noch eine demokratische Presse gibt, die sich wie ich über die beschriebenen Anklagen des Universitätspräsidenten von Figura aufregt. Die Zeit, die FAZ, der Tagesspiegel, die SZ etc. haben empörte Artikel über die Göttinger Politik der „Ausmerzung von Schwachstellen“ veröffentlicht. Das ist ein guter Aspekt des demokratischen Deutschlands. (…) Zum Abschluss kündige ich in Trauer an, dass ich  nach meiner Pensionierung 2009 nicht mehr zur Universität Göttingen gehören möchte. Die Cornell University gibt mir eine Identität. Sollte es keine große Wende vor meiner Pensionierung geben, die mich zur Versöhnung veranlasst, dass ich Göttingen in guter Erinnerung verlassen kann, würde mir nur übrig bleiben, mit den Worten Heinrich Heines von Stadt und Universität Abschied zu nehmen: Beide sind „am besten mit dem Rücken“ anzusehen. Das ist die traurige Lebensbilanz eines Ausländers and der Georg-August-Universität und ich wünsche mir von Herzen, sie wäre anders.

ein Interview mit Ayaan Hirsi Ali in der FAZ (Link). Daraus:

Ich unterscheide grundsätzlich zwischen der Philosophie des Islam und den Muslimen. Ich rede nicht über die Muslime, sondern über die Religion. Und da steht für mich fest, daß der Islam mit der liberalen Gesellschaft, wie sie sich im Gefolge der Aufklärung herausgebildet hat, nicht vereinbar ist. Wenn man diese Feststellung für plausibel hält, dann ist es nur richtig, die Muslime auch damit zu konfrontieren. Stattdessen verirren sich die Debatten im Taktischen, alles Problematische wird in Nebel gehüllt und am Ende läßt man sich darauf ein, zu sagen: Der Islam ist Frieden, Mitgefühl, Barmherzigkeit. Weil man Mitleid mit Minderheiten hat, die im Alltag nicht selten massiven Diskriminierungen ausgesetzt sind, glaubt man, es sei besser, die Dinge nicht beim Namen zu nennen. Das ist falsch. Es wäre erwachsener, sich gegenseitig die Wahrheit zu sagen. (…)

Nehmen Sie ein paar Beispiele: Im Islam beginnt das Leben erst im Jenseits. Sie müssen sterben, um zum Leben zu gelangen. In unseren Rechtsstaaten schützt der Staat das Leben. Dazu verpflichten ihn die Gesetze, und die Gesetze werden vom Volk gemacht. Das ist ein vernünftiger Aufbau, ein säkulare Verfassung. Im Islam gibt es so etwas nicht. Der Islam anerkennt individuelle Rechte nicht als Wert an sich. Man unterwirft seinen Willen dem Willen des Propheten und erhält erst dadurch Rechte und Pflichten. (…)

Die erste Stufe von Dschihad meint tatsächlich den inneren Kampf, die eigene Unterwerfung zu bewerkstelligen, also fünfmal am Tag beten, den Koran lesen, am Ramadan fasten und nach Mekka pilgern. Dann gibt es die Stufe der Mission, friedlich zuerst. Aber die problematische Dimension des Dschihad ist dann erst die nächste Stufe. Sie folgt dem Koran, der sagt, Friede sei erst dann möglich, wenn alle dem Glauben unterworfen sind. Wenn der von Ihnen zitierte Islam-Vertreter ehrlich wäre, müßte er sagen: Letzteres schreibt uns unsere Religion vor, aber wir werden es nicht tun. So wird die Frage nach der Friedlichkeit des Islam zu einer Frage des Vertrauens. Hier im Westen nehmen die Leute erst einmal an, die Aussage eines Gesprächspartners sei auch so gemeint. Die Generalunterstellung ist erst einmal die, daß man sich die Wahrheit sagt. Im arabisch-islamischen Raum ist das nicht unbedingt so, denn es gibt keine Notwendigkeit, einem Ungläubigen gegenüber wahrhaftig zu sein. Es führt nicht weiter, an diesen fundamentalen Punkt nicht rühren zu wollen. (…)

Ramadan sagt, was wir alle hören wollen. Ich habe seinen letzten Text über den Papst gelesen. Im ersten Absatz verurteilt er die gewalttätigen Proteste, schreibt, Muslime dürften sich darüber nicht in dieser Form aufregen. Da dachte ich: Wow! Musik in meinen Ohren. Aber wenn man dann weiterliest, fällt auf, was er nicht sagt. Ramadan weicht konsequent der Auseinandersetzung um die aufgeworfene Gewaltfrage aus. Das finde ich nicht in Ordnung. Er gehört für mich zu den Vertretern des Islam, die die Diskussion einäugig führen möchten. Die einfach weglassen, was nicht in die friedliche Wunschvorstellung paßt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er bei einer derart einseitigen Argumentation irgendjemanden überzeugen will, daß Islam und westliche Lebensweise zu versöhnen wären. Es muß doch nur eine junge muslimische Frau ankommen und sagen: Ich möchte mit einem nicht beschnittenen Nicht-Muslim zusammenleben. Da würde die Vision des Euro-Islam schon erste Kratzer kriegen. Ramadan redet über den Islam, wie er sein sollte, nicht über den Islam, wie er ist. Man kann aber kein ehrliches Gespräch auf der Basis von Verdrängungsleistungen führen. (…)

Der Ausgangspunkt muß der Prophet sein. Er hat sich selbst als Bote Gottes bezeichnet. Er ist nicht gottgleich, sondern fehlbar, eben ein Mensch, der Gottes Wort verkündet. Wir sollten also alle mit den Menschenrechten vereinbaren Bestandteile seiner Lehre behalten, aber den Rest eben in seinem historischen Kontext, der arabischen Halbinsel des siebten Jahrhunderts belassen. Der zweite Schritt wäre festzustellen, daß auch der Koran nicht von Gott stammt, sondern 150 Jahre nach dem Tod Mohammeds von Menschen verfaßt wurde. Darin stehen viele Dinge, die wir heute überwinden sollten. Die Menschheit hat sich schließlich seitdem enorm entwickelt. Und der dritte Punkt ist die Sexualdoktrin. Ich spreche vom Dogma der Jungfräulichkeit vor der Ehe. Wenn wir das überwinden, werden die Frauen frei sein. (…)

Statt die Hamas mal regieren zu lassen, eine Verwaltung betreiben zu lassen, wo sie recht schnell in Konflikte mit ihrer Scharia geraten würde, hilft die Europäische Union, die Widersprüche aufzulösen, in dem sie zahlt, so daß die Hamas das Geld nur zu verteilen braucht. Wir nennen die Hamas völlig zurecht eine kriminelle Vereinigung, aber werfen ihr auch noch das Geld hinterher! So halten wir die Palästinenser und die anderen arabischen Bevölkerungen in erbärmlichen und rückständigen Verhältnissen. (…)

Advertisements
 

3 Responses to “Warum gehen Bassam Tibi und Ayaan Hirsi Ali?”

  1. apollon Says:

    Danke, dass du diese wesentlichen Beiträge dieser beiden großartigen Menschen hier zusammengestellt habt.

  2. […] Leider entspricht dieses aber keineswegs den Realitäten. Der Autor des Blogs Sendungsbewusstsein hat einige wesentliche Aussagen des Professors zusammengetragen. Sie sollten nicht nur mich, sondern alle Deutschen beeindrucken, die in diesen Zeiten miterleben, wie Werte, die wir bis vor kurzem als fest mit uns vereinbart betrachtet haben, Stück für Stück aufgegeben werden. Und dies alles für das große gemeinsame Ziel unseres „Kampfes gegen den Terror“. Bush sei Dank! Mir ist schon klar, dass es ein unauflöslicher Widerspruch zu sein scheint, dass Tibi nun in die USA emigrieren will. Ist es aber nicht. Wir Deutsche in unserer beinahe unnachahmlichen Provinzialität und unserem Sinn für die eigene Unfehlbarkeit bieten Menschen wie Tibi offenbar zu wenig Raum. […]

  3. reizzone Says:

    Leider spielen noch andere Faktoren in Fall Bassam Tibi mit, Neid und vielleicht Missgunst.
    Denn die schliessung des Fachbereichs Politologie wird ja mit angeblicher „Profillosigkeit“ begründet.
    Das bei solchen Leuten wie Tibi, Lösche und Walter..?
    Wahrscheinlich ist die Medienpräsenz sowie die publizistischen Erfolge und der Bekanntheitsgrad für einige ein „rotes“ Tuch.
    Auf jeden Fall verliert Deutschland und Europa einen wichtigen Mann und Reformer in Sachen Islam.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s