Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Politische Unkultur Donnerstag, 26. Oktober 2006

Filed under: Allgemein — peet @ 17:31 Uhr
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Die Zeitschrift „Cicero“, angeblich für die politische Kultur verantwortlich, will mit der „Bild“ konkurrieren und greift zu unkorrekten Methoden, um die Leserschaft zu gewinnen. Die Bilanz: Boulevard der politischen Unkultur.

Ein Journalist namens Jürgen Busche saugt sich eine Denunzierung aus den Fingern und aus den Erinnerungen eines anderen Journalisten namens Joachim Fest – gegen Jürgen Habermas gerichtet. Auf dem Cover sieht man groß „Vergesst Habermas!“, der Artikel heißt „Hat Habermas die Wahrheit verschluckt?“, Busche fragt sich: „Gerücht oder Ungeheuerlichkeit?“ Das wäre alles eher etwas für die „Titanic“ – leider meint die „Cicero“ das wohl im Ernst.

Der Text von Busche ist eine Schande für die Zeitschrift. Wer will, kann ihn lesen (Link). Mich hat die folgende Passage besonders beeindruckt:

Es war kein anderer als der junge Jürgen Habermas, der Anfang der fünfziger Jahre als einer der Ersten und mit Durchschlagskraft in der FAZ auf die Nähe von Heideggers Denken zu den Grundlagen der NS-Ideologie hinwies, nicht ganz zu Recht, aber mit Folgen, die heute noch spürbar sind.

„Nicht ganz zu Recht“! Ein Journalist, der einmal ein Buch über Helmut Kohl publizieren durfte, weiß über Heidegger besser Bescheid als Habermas. Ha-ha!

Der Brief von Habermas an die Redaktion ist dagegen sehr wohl zu empfehlen (Link). Ironisch, klar, würdevoll, schön bissig. Ich zitiere daraus den Anfang und den Abschluss:

Jürgen Busche betätigt sich als Denunziant, indem er auf der Grundlage von längst widerlegten Gerüchten Unwahrheiten insinuiert. Wenn man sich den Kreis derer vergegenwärtigt, von denen man weiß, dass sie das Gerücht kolportiert haben – Fest, Lübbe, Koselleck, und (nun erst?) Busche – erkennt man die erneute Denunziation als das, was sie ist: als Fortsetzung einer politischen Hetze, der ich vonseiten der FAZ insbesondere in den 70er und 80er Jahren ausgesetzt war. Fest hat mir offenbar die Kritik an jenen Vordenkern des NS-Regimes übelgenommen, die er in seinem Blatt rehabilitieren ließ. (…)

Wenn der Umstand, dass ich von Herrn Fest posthum – und von dessen ehemaligem Angestellten Busche genötigt werde, mich über diese Lappalien zu äußern, eines lehrt, dann etwas von der Ranküne, die das Klima der Bundesrepublik Jahrzehnte lang vergiftet hat.

Die „Cicero“ dreht das um, legt nach und setzt die Verleumdung fort:

Habermas beschuldigt nicht Fest, sondern Busche. Eigentlich beschuldigt Habermas nicht, sondern verteidigt sich gegen die Verleumdung. Das „Politmagazin“ geht dem nicht nach, sondern gibt einem jeden seine Meinung oder findet einen, der mutig genug ist, um die Verleumdung auszusprechen. Oder wie war es mit den Bild-Parolen? Machen das nächste Heft von „Cicero“ Gäste von der „Bild“? Ist es schon soweit?

UPDATE: Wie ich gerade entdeckt habe, hat Markus Schwering schon am 24.10 im „Kölner Stadt-Anzeiger“ die Story zu Ende recherchiert (Link). Joachim Fest sieht anschliessend nicht gut aus. Die „Süddeutsche“will dieselbe Recherche erst heute gemacht haben, ohne sich auf Schwering zu beziehen (Link). Lehrreich!

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8 Responses to “Politische Unkultur”

  1. Sven Hedin Says:

    Welche Erwartung Heideggers Vorlesungen 1933 dei der NSDAP, SA et cetera weckte, weiss ich nicht. Wie man Heideggers staatstheoretischen Vortrag zum
    Politikbegriff Aristoteles aus der Sicht von heute bewerten mag ? Anzunehmen ist, dass die Meinungen da wohl weit auseinander gehen? Weniger bestritten ist Heideggers Duktus der Sprache, welcher im Sinn eines Wortes Tiefe sucht.
    Adorno ist bekanntlich in seinem Essay „Jargon der Eigentlichkeit“ diesen Dingen etwas auf den Grund gegangen.
    Kann durchaus sein, dass Habermas
    diese Dinge nach dem 8. Mai 1945 zum Thema machte: Sowas lag in der Luft und war damals ganz allgemein „en vogue“. Busche und Safranski revidieren und negieren diese Tendenzwende des Denkens nach dem Zweiten Weltkrieg.

  2. Mahmud Khan Says:

    Alle Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeit[FAZ] wie Fest
    haben zu Deutschland im Krieg eine Menge aufs Papier gebracht;
    dies obschon sie (ungleich mir) zu keiner Zeit einen Umgang mit
    den Protagonisten Deutschlands hatten[ Quantität = Qualität ? ]
    und setzten Legenden zu Dingen in die Welt, die sie nicht kennen.
    J Fest:“katholisch-preussisch-republikanisch-bildungsbürgerliches
    Mikromilieu“[Robert Leicht zu ISBN 3498053051 Rowohlt Verlag ]
    (Habermas hat nun gegen J Fest beim Landgericht Hamburg eine
    einstweilige Unterlassung gewisser Fest-Buch_Passagen erwirkt).

  3. Tatsächlich ist der Busche-Artikel nicht unbedingt empfehlenswert. Immerhin hat Habermas mit seiner Offensive dazu beigetragen, den Diskurs in mehrfacher Hinsicht abzuwürgen: 1. Der Busche-Artikel im Online-Teil des Cicero ist entfernt – 2. Sein Brief ist stattdessen prominent positioniert. – 3. Er stellt Fest in dem Brief in die Nähe der NS-Ideologie. – 4. Er hat eine einstweilige Verfügung gegen das Fest-Buch erwirkt.

    DAS ist kein Ruhmesblatt für jemand, der sich dem „herrschaftsfreien Diskurs“ verschrieben hat. Bei aller berechtigten (oder unberechtigten) Empörung. Wehler springt übrigens in der ZEIT Habermas bei.

  4. peetgp Says:

    Die Logik des Diskurses möchte auch betrachtet werden. Mein Thema war und ist die Behandlung der Inhalten in den Medien. In diesem Fall ist es sehr deutlich, dass der Streit über die Inhalte durch eine Personalisierung ersetzt wird. Anstatt über den Sinn wird über Person, dazu noch zunehmend schwarz-weiß, gesprochen. Machen wir da mit? Müssen wir das tun?

  5. Margret Popp Says:

    >Der Brief von Habermas an die Redaktion ist dagegen sehr wohl zu empfehlen (Link). Ironisch, klar, würdevoll

    Meinen Sie das im Ernst? Der eigentliche Skandal an der Geschichte scheint mir vielmehr der Brief von Habermas selber zu sein. Es ist Habermas, der darin dem erwachsenen Schriftsteller Joachim Fest für die Gegenwart Nazi-Sympathien andichtet:

    „Wenn man sich den Kreis derer vergegenwärtigt, von denen man weiß, dass sie das Gerücht kolportiert haben…erkennt man die erneute Denunziation als… Fortsetzung einer politischen Hetze, der ich vonseiten der FAZ… ausgesetzt war. Fest hat mir offenbar die Kritik an jenen Vordenkern des NS-Regimes übelgenommen, die er in seinem Blatt rehabilitieren ließ.“

    Wo hätte Fest in der FAZ Vordenker des NS-Regimes rehabilitieren lassen? DAS ist eine Denunziation, vorausgesetzt, dass nicht handfesteste Beweise vorgelegt werden. Sie ist aber angesichts des Lebenslaufs Fests vollständig absurd.

    Es ist sehr schwerwiegend, dergleichen einem heutigen Menschen vorzuwerfen. Man unterstellt damit nämlich dem Angegriffenen eine abgrundtiefe Unmenschlichkeit. Als infam empfinde ich Habermas‘ Anwurf umso mehr, da sich der am 23.9.2006 verstorbene Fest nicht mehr dagegen zur Wehr setzen konnte.

    Ob es Habermas je begreifen wird, dass man ihm nichts anderes als seine Selbstgerechtigkeit und mangelnde Fairness im Umgang mit Meinungsgegnern vorwerfen kann, keineswegs seine doch wohl selbstverständliche kritische Haltung gegen die Nazis, und dass Kritiker eines solchen Umgangs mit Meinungsgegnern nicht automatisch selber den Nazis nahe stehen müssen?

    Durch die von ihm gerichtlich erzwungene Unterdrückung des inkriminierten Passus in Fests Buch wird das Publikum ferner außerstande gesetzt, diesen selber zu überprüfen. Ich bin bei unvoreingenommener Lektüre nicht auf den Gedanken verfallen, dass der darin erwähnte „führende Kopf“ ausgerechnet Habermas sein soll (der??). Fest hatte sich an der Stelle selber nicht für die Geschichtlichkeit der Story verbürgt; leitete sie ein mit „Es geht die Rede“; ich las diese im Kontext von S. 342f nur als eine eventuell fiktive Illustration jener typischen unehrlichen Art der “Aufarbeitung” in Deutschland, bei der die selbstgefälligen Kritiker erbarmungslos all ihren Landsleuten das große Schämen verordnen, dabei aber nur sich selber zu schämen vergessen, was manchmal angemessen wäre: Die Anekdote würde diesen Punkt ebenso gut illustrieren, wenn sie gar nicht historisch wäre. Nur ein philologisch ausgefuchster Leser, dem zudem alle Einzelheiten des alten Historikerstreits geläufig sind, vermag an diesem Punkt eine Erinnerung an Habermas überhaupt heraufzurufen; der Ausdruck „Schadensabwicklung“ ist ein normales Wort der deutschen Sprache, das jedermann verwenden darf.

    Die Einstweilige Anordnung des Hamburger Gerichts gegen Fests Buch nimmt dem Text die Möglichkeit, sich selber gegen den Anwurf der „Verleumdung wider besseres Wissen“ zu verteidigen, mit dem nun auf Fest eingedroschen wird. Ich habe dafür kein Verständnis. Das Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung sollte uns schon ein wenig mehr wert sein als es die Hamburger Richter offenbar eingeschätzt haben.

  6. peetgp Says:

    Uff-uff, so viel Emotion… :-) Klar, die Positionen sind ziemlich hart aufeinandergeraten. Fest und seine FAZ waren die Treiber der „Historikerstreits“. Damit wurden bestimmte Inhalte transportiert, die heute noch wirken, unter anderem in solchen öffentlichen Debatten wie um Walser oder Hohmann. Für Habermas als den wichtigsten Kritiker dieser Position ist die „Anekdote“ ein persönlicher denunziatorischer Angriff auf seine Würde, er verteidigt sich wie er kann. Ich würde also vorschlagen, mehr in die Geschichte des Streits zurückzuschauen. Das würde alles erklären, sowohl Personalien als auch Inhalte.

  7. Margret Popp Says:

    Ich rede nicht emotional, sondern eindeutig.–Im Gegensatz zu Habermas, möglicherweise.

    „Wenn der Umstand, dass ich von Herrn Fest posthum… genötigt werde, mich über diese Lappalien zu äußern“,

    schreibt dieser Autor und stellt damit den Sachverhalt auf den Kopf. Es ist nämlich er, Habermas, der so Übles gegen einen Verstorbenen öffentlich vorgebracht hat, obwohl der sich nicht mehr selber dagegen verteidigen konnte.

    Fest konnte schlechterdings nicht im Voraus wissen, dass er schon verstorben sein würde, falls nach dem Erscheinen seines Buchs eventuell einmal Habermas negative Empfindungen zu diesem Passus entwickeln sollte.

    > Für Habermas als den wichtigsten Kritiker dieser Position ist die “Anekdote” ein persönlicher denunziatorischer Angriff auf seine Würde,

    Dazu musste er Spekulationen anhand des Fest’schen Texts anstellen, der all das nicht enthält.

    Fest garantierte in diesem Passus nicht für die Geschichtlichkeit der Anekdote, äußerte sich nur im Konjunktiv, erwähnte den Namen Habermas nicht (auch sonst nicht in dem Buch), bezeichnete den Protagonisten mit dem Ausdruck „ein führender Kopf des Landes“, wohinter man sich eventuell einen Politiker vorstellen konnte, wozu aber ein bloßer Soziologieprofessor im normalen Sprachgebrauch kaum ausreicht.

    Auch wenn sich Habermas trotz all dieser Verfremdung diesen Schuh anzog, hätte ihm das noch längst nicht das Recht gegeben, seinerseits Fest dahingehend zu denunzierenen, er habe Nazi-Vordenker rehabilitieren lassen, ohne auszuführen, wer die Vordenker gewesen sein sollen und wo Fest dergleichen veranlasst haben soll. Habermas‘ Aussage weist in der von ihm gewählten Form sogar auf Absicht hin; wie wollte er diese nachweisen?

    Noch heute Nazi-Sympathien zu hegen, das wäre verbrecherisch. Dahinter stünde die Ignoranz von Millionen Morden. Einen solchen Vorwurf aber unerwiesenermaßen vorzubringen– Habermas‘ Vorwurf der Nazisympathien gegen Fest ist angesichts der Vita Fests sogar absurd–, das ist für meine Begriffe üble Nachrede bzw die Verunglimpfung eines Verstorbenen.

    > Ich würde also vorschlagen, mehr in die Geschichte des Streits zurückzuschauen.

    Was sollte das zur Sache tun? Alle Merkmale von Habermas‘ Fehlleistung von 2006 blieben bestehen, was auch immer das ergeben sollte.

    Für die Einstweilige Anordnung des OLG Hamburg, mE auch ein Eingriff in die Freiheit der Kunst (vgl demgegenüber das „Mephisto“-Urteil im Falle von Gründgens), habe ich kein Verständnis.

  8. peetgp Says:

    Vorwürfe, die Habermas gegen Fest erhebt hat, sind nicht neu, sondern längst bekannt und unbestritten. Die persönlich ausgerichtete Provokation wurde von Fest vorbereitet und von der Zeitschrift „Cicero“ ausgeführt. Man kann den gesamten Kontext ignorieren oder eben „kein Verständnis“ dafür haben, dass sich der Beleidigte verteidigt, an der Sache selbst ändert das nichts.


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