Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Boulevardisierung der Politik Montag, 2. April 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 15:11 Uhr
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Noch ein Beispiel dafür ist die neueste „Sabine Christiansen“-Sendung und die Kritik in den Zeitungen am Tag darauf. Es ist immer noch eine Politshow, und die Ankündigung klingt ausgewogen (Link):

Aufschwung, Sonne, Knut – geht´s uns wirklich wieder gut?   

Was ist bloß mit uns Deutschen los: Nach fünf Jahren im Jammertal scheint über uns plötzlich wieder die Sonne. Und das nicht nur klimatisch, denn offenbar hat das Land auch wirtschaftlich endlich wieder Tritt gefasst. Krise, was ist das? Schulden, Arbeitslosigkeit? Bauen wir ruckzuck ab! Und nebenbei werden wir Handballweltmeister, holen den Oscar und retten als G8- und EU-Präsidentin mal eben das Weltklima. Alles Knut, oder was? Deutschland, ein „Wachstumsmärchen“? Oder doch nur ein Strohfeuer, von dem nur wenige – vor allem mal wieder die Reichen – profitieren?

Daraus entwickelte sich wie immer eine Plauderstunde, bei welcher man die einzige kritische Stellungnahme Sahra Wagenknecht überließ, die dafür von anderen Beteiligten erfolgreich ignoriert wurde. Auch auf der Internetseite der Sendung wurde diese Kritik bis zur Unerkenntlichkeit schön frisiert. Es war ein knapper und (für Wagenknecht) selten guter Beitrag zur Lage der Nation, etwa in der Art des früheren Gysi, eine richtige Opposition.

Die Presse, die auf Christiansen gerne und zu Recht herumhackt, war diesmal vollkommen auf ihrer Linie. Iris Mayer in der Zeitschrift „Fokus“ widmet sich der CSU-Landrätin Pauli so gründlich, dass sie vollkommen in Rage kommt. Über die Kritik Wagenknechts äußert sie sich knapp (Link):

Sahra Wagenknecht schreit irgendetwas zur effektiven Steuerquote und wird von Ludwig Stiegler mit einem „Sehr verehrte gnädige Frau“ beleidigt.  

Carin Pawlak, ebenfalls im „Fokus“, hat auch nur ein Thema, und das ist Pauli (Link). Wagenknecht wird mit einem „Bild“-ähnlichen Titel dennoch bedacht, obwohl Pauli als Zielscheibe anvisiert wird:

Liebe Sahra Wagenknecht der CSU

Das war’s also. Sandra Fomferek in der „Berliner Morgenpost“ macht sich lustig über Pauli und Knut und ist guter Laune, so dass auch Wagenknecht etwas abbekommt (Link):

Dass die allgemeine Verzückung nicht lange hielt, dafür sorgte die Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht, die mit ihrem fest zementierten Haarknoten, verkniffener Mimik und steifer Haltung so gar nichts knutiges an sich hat und sich in ihrem roten Kostüm auch nicht an die Trendfarbe weiß hielt. Sie schimpfte über das „unverschämte“ Wachstum der Unternehmen, die „brutalen Jobvernichter“, Lohn-Dumping und eine Politik, die nur die Reichen mästet. 

Alles Quatsch also, dazu noch nicht telegen, weg damit. Hans-Jürgen Jacobs weiß in der „Süddeutschen“ alle zu beruhigen und Noten zu verteilen. Wagenknecht wird nebenbei auch abgestempelt (Link):

Sahra Wagenknecht von der Linkspartei – ihre Rolle: die zornige junge Frau – klagte an, dass das Volk nichts vom wirtschaftlichen Aufschwung habe, sondern nur einige Manager profitierten. Da sie von der Moderatorin kaum gefragt wurde, giftete sie permanent in die Runde […] 

Auch hier sind Inhalte leicht von oben herab abgetan, kein Problem. Michael Hanfeld geht in der FAZ weiter als die Kollegen und sagt, was er denkt (Link):

Es ist schon ziemlich ärgerlich, dass in Gesprächsrunden wie dieser immer erst jemand von Linksaußen wie hier Sahra Wagenknecht darauf hinweisen muss, dass wir in einer Zeit leben, die den Manchester-Kapitalismus als Blaupause für den ganzen Globus kennt.  

Das ist aber wirklich ärgerlich. Wenn schon Pauli, dann nur Fotos, wenn Knut, dann nur „Ach wie süß!“ Wenn aber die harte soziale Kritik, dann „ärgerlich“. So arbeiten Fernsehen und Zeitungen zusammen, damit solcher Ärger minimiert wird. Nur nicht denken!

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