Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Alles Roger: Köppel und Putin Freitag, 6. April 2007

Filed under: Medien,Politik,Russland — peet @ 16:13 Uhr
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Roger Köppel, ehemaliger Chefredakteur der „Weltwoche“, danach Chefredakteur der „Welt“ und dann wieder Chef derselben „Weltwoche“, schreibt über Russland. Der Text klingt nach einer von ganz bestimmten Kräften lancierten Story und erinnert an die wunderschöne „Christiansen“-Sendung zu eben diesem Thema (Link).

Das schönste an diesem Text Köppels ist allerdings nicht seine maximale Entfernung von der Realität und unverblümte Huldigung Putins und des – wie auch immer schon wieder anders heißenden – KGB, sondern die Selbstabschreibungskunst eines großen Journalisten: Einen fast identischen Aufsatz hat der erfahrene Autor in der „Welt“, dazu noch in einem Leitartikel, vor einem Jahr publik gemacht. Da die beiden Texte wie zwei Zwillinge aussehen, macht es Spass, sie zu vergleichen. Einem interessierten Leser kann ich dieses Vergnügen nur empfehlen: Gut zu wissen, wie große Journalisten von heute arbeiten. Hier also der alte Text aus der „Welt“, und hier der neue aus der „Weltwoche“. Nur ein Beispiel und zwar, was Köppel über dasselbe Thema schreibt.

Über Chodorkowski am 24.4.2006:

Die Verurteilungen sind überzogen, in manchen Fällen ungerecht. Instruktiv bleibt der Fall Chodorkowski. Der Oligarch, der sich im Westen als mutterteresahafte Friedenstaube inszenierte, war ein rabiater Geschäftsmann, der sich sein Yukos-Imperium dank behördlicher Duldung zu fragwürdigen Tiefstpreisen zusammenkaufte und Konkurrenten mitleidlos aus dem Weg schaffte. Vor allem aber kreuzte er die Wege Putins, indem er im großen Stil Duma-Abgeordnete schmierte, um sich so eine parteienübergreifende Veto-Macht gegen den Präsidenten zu sichern. Man stelle sich vor, wie man im Westen auf einen Industriellen reagieren würde, der bündelweise Dollarscheine an Parlamentarier verteilt zum Aufbau einer demokratisch nicht legitimierten Schattenherrschaft. Putin mußte Chodorkowski stoppen, das war richtig. Falsch waren der im Sowjetstil inszenierte Schauprozeß und die plumpe Zerschlagung des Konzerns. 

Über Chodorkowski am 29.3.2007:

Instruktiv in sachen Putin-Bashing bleibt der Fall Chodorkowski. Der Oligarch, der sich im Westen gern als Friedenstaube inszenierte, war ein rabiater Geschäftsmann, der sich sein Öl-Imperium dank behördlicher Duldung zu fragwürdigen Tiefstpreisen zusammenkaufte und mit Konkurrenten nicht gerade zimperlich umsprang. Vor allem aber kreuzte er die Wege des Kreml-Chefs, als er Duma-Abgeordnete bestach, um sich eine Gegenmacht zum Präsidenten zu sichern. Man stelle sich vor, wie man im Westen auf einen Industriellen reagieren würde, der bündelweise Dollarnoten an Parlamentarier verteilt zum Aufbau einer demokratisch nicht legitimierten Schattenherrschaft. Putin musste Chodorkowski stoppen. Falsch waren der Schauprozess und die plumpe Zerschlagung des Konzerns.
 

Ich würde so gerne die Quellen von Köppel dafür sehen. Die Rechtsanwälte Chodorkowskis würden sich bestimmt noch viel mehr und ganz besonders darüber freuen.

Das ist noch nicht alles. Leser der „Welt“ durften ihrem Chef nicht widersprechen, dafür umsomehr die der „Weltwoche“. Es ist eine Freude zuzusehen, wie drei Leser mit einfachen Mitteln der Wahrheit die unverschämte Käuflichkeit und plumpe propagandistische Ausrichtung von Köppels Text entlarven (Link).

Und für diejenigen, die die aktuelle Lage Russlands aus erster Hand analysiert bekommen wollen, empfehle ich den neuesten Artikel von Andrei Illarionov (Link), leider nur auf Russisch. Große Journalisten haben seine Meinung erfolgreich ignoriert, obwohl er greifbar nah ist (Link). UPDATE: Ein Interview zum Thema gab Andrej Illarionow der Zeitung „Handelsblatt“ am 2.4.2007:

„Geheimdienst ist für immer an der Macht“

[…] Andrej Nikolajewitsch, Sie haben als Protest gegen die Verstaatlichung weiter Teile russischer Rohstoffkonzerne Ihren Job als Wirtschaftsberater von Kremlchef Putin Ende 2005 aufgegeben. […] Wie beurteilen Sie die Lage in Russland heute? […]Russland wird als Energielieferant immer unzuverlässiger. […] Silowiki sind die Geheimdienstler in fast allen Ämtern der Macht. […] Sie haben den Kreml erobert – für immer. […] Und es kann doch nicht richtig sein, dass eine kleine Kreml-Clique den Staat gefangen genommen hat, die Wirtschaft, die Regionen, die wichtigsten Unternehmen Banken und auch die Medien. […] Sie haben fast die gesamte Energiewirtschaft in ihre Hände gebracht, jetzt sinkt das Wachstum der Ölproduktion.[…] Es können nur Unternehmen überleben, die mit der Kreml-Corporation kooperieren.[…] Und nachdem sie erst den Ölkonzern Yukos, dann die ganze Ölbranche, die Gasindustrie, den Maschinenbau, den Schiffbau und die Luftfahrtindustrie unter ihre Kontrolle gebracht haben, gibt es keine politische oder unternehmerische Freiheit in Russland mehr. […] Dass der Westen keine Kritik an der undemokratischen und wirtschaftsfeindlichen Politik äußert, entmutigt die wenigen, in Russland verbliebenen Aufrechten.

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