Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

dpa, afp, reuters – Wahrheit hat mehrere Farben Sonntag, 8. April 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 19:44 Uhr
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Noch ein Terrorist wurde beim Anbringen eines Sprengsatzes erschossen. Lässt sich daraus eine journalistische Story machen? Wenn es um den Gazastreifen geht, dann ja. Das geht so:

Die dpa meldet darüber prägnant kurz, die meisten deutschen Zeitungen sind damit sehr zufrieden und geben den Text weiter (Link):

Israel greift Palästinenser im nördlichen Gazastreifen an

Tel Aviv (dpa) – Israelische Kampfhubschrauber haben am frühen Morgen bewaffnete Palästinenser im nördlichen Gazastreifen beschossen. Laut israelischem Rundfunk wurden drei Palästinenser verletzt. Wie die Zeitung «Jerusalem Post» berichtete, hielten sich die Palästinenser in der Nähe des Sicherheitszauns auf, der Israel vom palästinensischen Gazastreifen trennt. Verteidigungsminister Amir Perez hatte den Streitkräften begrenzte Militäroperationen in Grenznähe gegen offenkundig extremistische Palästinenser erlaubt. 

Titel und Wortwahl sprechen für sich. Die Verletzten hätten sich nur in der Nähe der Grenze aufgehalten.

„Die Zeit“ bedient sich zweier Quellen – dpa und afp. Die Mischung ist etwas ausgeglichener (Link):

Palästinensergebiete: Israelische Hubschrauber feuern mit Raketen

Ein Palästinenser ist bei einem nächtlichen Angriff israelischer Kampfhubschrauber auf Bewaffnete im nördlichen Gazastreifen getötet worden. Zwei weitere Personen wurden verletzt.
Gaza – Bei dem Toten soll es sich um einen 22-jährigen Aktivisten der Gruppe Demokratische Front für die Befreiung Palästinas handeln. Nach Angaben von Augenzeugen feuerten die Helikopter östlich des Flüchtlingslagers Dschabalija drei Raketen ab. Zudem seien in der Gegend mehrere Panzer einige Meter auf das Gebiet des Gazastreifens vorgerückt. Die Schüsse galten den Augenzeugen zufolge bewaffneten Männern des Islamischen Dschihads und des Komitees des Volkswiderstands.

Ein Sprecher der israelischen Armee bestätigte den Hubschrauberangriff, dementierte aber, dass Panzer vorgerückt seien. Helikopter hätten das Feuer eröffnet, weil es östlich von Dschabalija verdächtige Bewegungen unweit des Sperrzauns zwischen Israel und dem Gazastreifen gegeben habe. «Bewaffnete Männer wollten gerade einen Sprengsatz nahe dem Sperrzaun ablegen», sagte der Sprecher.

Der israelische Verteidigungsminister Amir Perez hatte den Streitkräften am Montag begrenzte Militäroperationen in Grenznähe gegen offenkundig extremistische Palästinenser erlaubt. Bereits am Mittwoch war die israelische Armee in den Gazastreifen eingedrungen, von wo palästinensische Aktivisten häufig Raketen auf Israel abschießen. Es war das erste Mal seit der Vereinbarung einer Waffenruhe am 26. November. Das Abkommen verpflichtete Israel zum Ende seiner Militäreinsätze im Gazastreifen, im Gegenzug sollten die bewaffneten palästinensischen Gruppen ihre Angriffe auf Israel beenden. Dennoch landeten seit dem 26. November nach Armeeangaben 155 palästinensische Raketen auf israelischem Gebiet. (AFP/dpa)

Der Titel ist auch hier allerdings eindeutig, die Terrorgruppe bleibt eine demokratische Widerstandsorganisation, der getötete Terrorist wird zu einem Aktivisten. Trotzdem wird die Meinung der israelischen Seite wiedergegeben und sogar – was für ein Wunder! – die Zahl der abgeschossenen Raketen, die während der angeblichen Waffenruhe vom Gazastreifen ausgingen. Man kann nicht alles haben.

Bei networld, einem österreichischen Nachrichtensender, zählen diese Raketen nicht, die Nachricht erfolgt aus der Perspektive „einer heiligen Mission“ (Link):

Schwerste Gefechte seit November: Israels Luftwaffe greift Militante im Gaza-Streifen an
Ein militanter Palästinenser bei Luftschlag getötet

Bei einem Angriff der israelischen Luftwaffe sind im Gaza-Streifen ein militanter Palästinenser getötet und zwei weitere verletzt worden. Die israelischen Streitkräfte begründeten den Luftangriff mit „verdächtigen Bewegungen“ im Grenzgebiet. Die „Demokratische Front für die Befreiung Palästinas“ (DFLP) erklärte, die Männer seien zum Zeitpunkt des israelischen Kampfhubschrauberangriffs „auf einer heiligen Mission“ gewesen.

Der israelische Verteidigungsminister Amir Perez hatte begrenzte Militäraktionen im Gaza-Streifen zuvor genehmigt. Die Regierung werde keine Wiederbewaffnung militanter palästinensischer Gruppen zulassen, hatte er gesagt. Erstmals seit mehr als vier Monaten war die israelische Armee in den vergangenen Tagen ungeachtet einer vereinbarten Waffenruhe wieder in den nördlichen Gaza-Streifen vorgestoßen.

Der Titel ist hier ausgeglichener, dafür aber wird im Text selbst nur die eine Sicht präsentiert. Und wie gesagt, „eine heilige Mission“ als Zitat hätte eigentlich zu einem Kommentar führen müssen.

Noch interessanter ist die Meldung bei Reuters (Link):

Israels Armee tötet Palästinenser bei Gefecht im Gaza

Gaza (Reuters) – Im Gazastreifen ist bei Gefechten mit der israelischen Armee ein militanter Palästinenser getötet worden.

Israelische Kampfhubschrauber feuerten am Samstag mindestens zwei Raketen auf palästinensische Extremisten nahe des Flüchtlingslagers Dschabalja ab, wie Anwohner berichteten. Ein Armeesprecher sagte, die Hubschrauber hätten eine Gruppe von Extremisten ins Visier genommen, die nahe des Sperrzauns Sprengsätze legen wollten. Militante Palästinenser erwiderten das Feuer nach eigenen Angaben mit Granaten- und Maschinengewehrbeschuss. Anwohnern zufolge war es das schwerste Gefecht seit Beginn der Waffenruhe im November.

Der Islamische Dschihad erklärte weiter, bei dem Getöteten handele es sich um ein Mitglied der Demokratischen Front für die Befreiung Palästinas (DFLP). Angehörige dieser Gruppe und des Islamischen Dschihad seien bei einem Einsatz nahe des Zauns gewesen, als es zu dem Schusswechsel kam. Als Reaktion auf den Beschuss der israelischen Armee seien auch Bomben gezündet worden, die zuvor an den Zaun gelegt worden seien. Anwohner berichteten, israelische Panzer seien in die Gegend eingedrungen. Die Armee wies diese Darstellung jedoch zurück.

Der Waffenruhe vom November war eine fünfmonatige israelische Militär-Offensive im Gazastreifen vorausgegangen. Ungeachtet des Stillstands haben radikale Palästinenser immer wieder vom Gazastreifen aus Raketen auf Israel abgefeuert. Der Armeesprecher sagte am Samstag weiter, israelische Soldaten hätten seit November 40 Sprengsätze gefunden, die in der Gegend gelegt worden seien. In israelischen Sicherheitskreisen hieß es, der bewaffnete Teil der radikal-islamischen Hamas habe Tunnel gegraben und ihr Raketenarsenal aufgestockt, um sich auf neue Kämpfe vorzubereiten.

Der israelische Verteidigungsminister Amir Perez hatte der Armee am vergangenen Montag begrenzte Einsätze gegen radikale Palästinenser im Gazastreifen erlaubt. Israel werde es nicht zulassen, dass die Extremisten ihre Positionen weiter verstärkten und sich aufrüsteten, sagte Perez zur Begründung.

Im von Israel besetzten Westjordanland wurde am Samstag unterdessen ein Mitglied der Al-Aksa-Brigaden von israelischen Soldaten verwundet. Al-Aksa-Vertreter sagten, er sei in die Schulter geschossen worden. Die Al-Aksa-Brigaden sind Teil der Fatah-Bewegung von Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas. Ein Armeesprecher sagte, die Soldaten hätten den Al-Aksa-Kommandeur aus dem Flüchtlingslager Dschenin identifiziert und auf ihn geschossen. Der Mann sei außer Lebensgefahr und werde an einem sicheren Ort behandelt. 

Der Text ist noch vollständiger  und aussagekräftiger. Der Titel bedient die Erwartungen, im Text werden aber Fakten und Hintergründe zusammengefügt, so dass auch ein Unwissender etwas verstehen kann. Die Publikation desselben Textes im „Fokus“ beweist das Gegenteil (Link). Elf Leserkommentare sind unter dieser Meldung online zu lesen, davon neun antiisraelisch bis antisemitisch.

Meryl Yourish kommt aufgrund ihrer Analyse der englishsprachigen Meldungen zu analogen Schlussfolgerungen (Link). Sie hat allerdings einen weiteren Text der Agentur AFP nicht berücksichtigt (Link):

Israel in deadly air raid against Gaza militants

by Sakher Abu El Oun 

GAZA CITY (AFP) – Israel launched an air strike against suspected Gaza militants on Saturday, killing one and wounding two, as it made good on threats to get tough over persistent rocket fire from the territory. […]

Palestinian medics named the militant killed in the Gaza raid as Fuad Maaruf, 22, an activist of the leftist Democratic Front for the Liberation of Palestine.

The DFLP said Maaruf was killed by missiles from an Israeli helicopter as he was taking part in an „extended ambush“ of Israeli troops operating inside the Gaza Strip alongside militants of the ultra-hardline Islamic Jihad group.

Witnesses said the helicopters opened fire on an area east of the Jabaliya refugee camp in the northern Gaza Strip while several Israeli tanks advanced a few metres (yards) into the territory.

The Israeli military confirmed the air raid but denied any ground incursion.

„The helicopters opened fire after suspect movements near the security barrier (between Israel and the Gaza Strip) to the east of Jabaliya,“ an army spokesman said.

„Some armed men were preparing to plant a bomb near the security barrier.“

Egyptian Foreign Minister Ahmed Abul Gheit condemned the raid, calling in a statement for „an immediate halt to all acts… that complicate the situation.“

A Palestinian rocket hit a building in the southern Israeli border town of Sderot later on Saturday, damaging it but causing no casualties, in an attack claimed by Islamic Jihad.

Palestinian president Mahmoud Abbas again appealed for rocket attacks to stop, calling them absurd.

„Everyone, especially the presidential guard, the security forces, must work to establish order and security, eliminate security chaos and make these absurd rocket attacks stop,“ he said in Gaza. […]

Darin sehen wir noch mehr Details, unter anderem den Namen des Terroristen, zum Artikel gehört auch ein Foto, welches das Begräbnis des „Aktivisten“ dokumentiert und in den Fokus nimmt.

Unterm Strich bleibt ein seltsames Gefühl – hinter den Zeilen der Agenturmeldungen verstecken sich Autoren, die ihre private und eigentlich oft einseitige Meinung als nüchterne Darstellung der Fakten ausgeben (nur im letzten Fall wird der Autor beim Namen genannt). Die Frage wäre – bewusst oder unbewusst?

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