Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Fall Oettinger Freitag, 13. April 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 7:39 Uhr
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Die Wette steht. Nämlich wird Günther Oettinger im Amt bleiben oder geht? Jenninger ist für viel weniger gegangen, nämlich für die falsche Intonation bei dem Vortrag einer harmlosen Rede. Und hier ist eine Trauerrede, die eines hohen Amtträgers unwürdig ist. Zwei Tage nach dem Ereignis bedauern Medien seine Worte, für meine Begriffe, viel zu milde. Ich wette, Oettinger wird bleiben und der Ruf Deutschlands trägt Schaden davon. Andere Meinungen?

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5 Responses to “Fall Oettinger”

  1. Boche Says:

    Warum war die Trauerrede eines hohen Amtsträgers unwürdig? Könntest du das im Detail erläutern?

  2. AHS Says:

    Ich muss gestehen, dass ich im Fall Filbinger mehr als zwiegespalten bin. Ich empfinde sein Verhalten im Dritten Reich als völlig unzureichend – ohne zu wissen, wie ich mich unter dem Druck einer totalitären Diktatur verhalten hätte. Meine eigene Familie flüchtete vor den Nazis ins Ausland, vielleicht hätte ich mich ebenfalls auf diese Weise entzogen. Aber ich kann es nicht wissen.

    Zweitens waren (und sind!) Todesurteile gegen Deserteure in so gut wie jeder Armee der Welt der Normalfall. Auch die US-Armee hat Todesurteile vollstreckt und ebenso die Rote Armee.

    Drittens empfinde ich Filbingers Umgang mit der Vergangenheit – gelinde gesagt – als unglücklich. Hat er gelogen oder hatte er wirklich Erinnerungslücken?

    Viertens aber war und ist die Kampagne gegen ihn allein aus politischen Beweggründen gesteuert. Damals griff die Stasi aktiv ein und die Linke machte sich selbst zu willigen Mitläufern eines anderen totalitären Systems. Gerade der, der auf Stasi-Propaganda reinfällt (ohne unter ihrem Terror leben zu müssen!), kann nicht rückblickend verlangen, dass sich andere Menschen immun gegen Totalitarismen zeigen.
    Auch heute ist die Kampagne gegen Oettinger politisch gesteuert. Hier erhebt sich eine Linke, die sonst keinerlei Probleme hat, Israel „Nazi-Methoden“ und einen „Holocaust an den Palästinensern“ vorzuwerfen und die Mullahs im Iran zu verhamlosen. Diese Linke hat nicht einen Funken Legitimität, über Menschen zu urteilen, die unter einem Totalitarismus leben mussten.

  3. peetgp Says:

    @ Boche
    ich versuch’s:
    1. Filbinger musste zurücktreten aus bestimmten Gründen. Der wichtigste davon war seine Unfähigkeit, die eigene Nazivergangenheit zu verarbeiten. Oettinger sagt die Unwahrheit über Filbinger, indem er ihm eine weiße Weste beschert. Daraus folgt, dass Filbinger auch nichts zu verarbeiten hätte und folglich hätte nicht zurücktreten müssen.
    2. Oettinger sagt die Unwahrheit und besteht darauf, dass seine Unwahrheit die Wahrheit sei.
    3. Diese Unwahrheit bezieht sich auf die Nazivergangenheit des früheren hohen Amtträgers.
    4. Oettinger schadet dem Ruf Deutschlands, es habe seine Nazivergangenheit verarbeitet. Sein Verhalten beweist, das stimme so nicht. Wenn die Öffentlichkeit ihm erlaubt, sich so zu verhalten, dann zeigt sie sich solidarisch mit ihm.
    5. Würde Oettinger zurücktreten, wäre dagegen bewiesen, Deutschland duldet die nachträgliche Verschönerung der eigenen historischen Vergangenheit nicht.

    @ AHS
    1. Wenn du dir die Frage nach deinem eventuellen Verhalten stellst, dann musst du dir sie auch beantworten. Das ist deine Gewissensfrage. Keiner stellt sie dir. Keiner ausser dir kann sie beantworten. Wenn du aber sie stellst, musst du sie beantworten, denn ausweichen gilt nicht. Filbinger hat mitgemacht und als gewissensloser Vollstrecker einer ungerechten Hinrichtung sich aus der Politik eines demokratischen Staates hinauskatapultiert. Das war seine Entscheidung und sein Schicksal.
    2. Todesurteile gegen Deserteure sind gerecht beim gerechten Krieg. Man kann die gesamte Institution Krieg als ungerecht verdammen, man kann seine eigene persönliche Einstellung dazu formulieren. Mitmachen und dann vergessen – das geht nicht. Auch beim gerechten Krieg bleibt ein Todesurteil ein Problem. Ohne die Verarbeitung bleibt das Problem bestehen.
    3. Filbinger hat gelogen. Im Netz gibt genug Materialien dazu, es gibt sogar Bücher.
    4. Die Kampagnie gegen Filbinger war und ist ein politischer Kampf. Egal von wem angezündet, macht sie die Fakten zugänglich. Diese Fakten dürfen nicht wieder geleugnet werden, egal von Links oder von Rechts. Und nicht für Nebenschauplätze benutzt werden. :-)

  4. AHS Says:

    …im Netz gibt es genug Material dazu? Ich befürchte, Du hast recht. Da gibt es aber auch noch ganz anderes Material. Kennst Du das ganze Material und die ganzen Bücher über 9/11? Es wird ja nicht dadurch wahr, dass es jemand geschrieben hat.

    Ich bin ja in der Sache einer Meinung mit Dir. Filbinger hat vermutlich selbst verdrängt und vielleicht auch gelogen. Und er hat in einem Unrechtsregime mitgewirkt. Aber wer kann und sollte darüber urteilen? Sicher nicht die PDS. Sicher nicht die SPD. Sicher nicht die Grünen und schon gar keine Friedensbewegung. Keiner sollte darüber urteilen, der von Stasi oder KGB im Propagandakrieg gegen den Westen mißbraucht wurde und nicht einmal gemerkt hat, dass er nur selbst zum willigen Vollstrecker einer totalitären (kommunistischen) Diktatur wurde.

    Mein Großvater war übrigens Kommunist. Er musste aus Deutschland fliehen – ich wäre sicher in ähnlicher Situation gewesen und wäre davongelaufen. Meine Familie floh wegen einer Fehleinschätzung nach Österreich: dort war damals gerade ein NSDAP-Putsch niedergeschlagen worden und viele dachten, sie wären dort sicher. Später war kein Entkommen und mein Großvater wurde in ein Strafbataillon zusammen mit Kriminellen und Oppositionellen gesteckt. Wer hier nicht auf den „Feind“ schoss, wurde entweder von den Russen oder von den Nazis erschossen. Als Familienvater versucht man dann nur noch durchzukommen und zu überleben. Mein Großvater war 1945 vom Kommunismus geheilt, nachdem er gesehen hat, dass die Sowjets keinen Deut besser waren als die Nazis.

    Was hätte also ich gemacht? Ich hätte versucht, zu überleben. So wie jeder andere auch. Ich hätte vielleicht sogar Kompromisse gemacht, nur um zu überleben. Und vielleicht wäre auch ich mit TBC und Malaria aus Russland nach Hause gekommen, wie mein Großvater. Und dann kommen Menschen, die nie in einer solchen Situation waren und auch noch auf die Stasi reingefallen sind – und wollen mich als mitschuldig, als kollektiv schuldig brandmarken?

  5. […] Fall Oettinger von Sendungsbewusstsein […]


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