Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Schlammschlacht 3 Donnerstag, 10. Mai 2007

Filed under: Blogging,Medien — peet @ 14:39 Uhr
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Alan Posener sagte in einem Weblog der „Welt“ ein paar treffende Kritikworte über die „Bild“-Zeitung und ihren aktuellen Chefredakteur Kai Diekmann. Kurz darauf wurde das komplette Posting enfernt, nicht von Posener wohlgemerkt, sondern von der Spitze des Springer-Verlags. Weblogs werden bei der „Welt“ moderiert, nicht von den Autoren selbst, sondern irgendwie intern, so dass die Autoren nicht so ganz genau wissen, wie das läuft. Es ist also einerseits Poseners Blog, andererseits auch nicht seins, sondern der Firma.

Die demonstrierte Meinungsfreiheit fühlt sich gut an. Die Wellen schlagen mit jeder Stunde höher. Posener schweigt zum Thema. Zeitungen legen über die Sitten der Konkurenz los, Blogger teilen sich in welche, die Posener bedauern, und welche, die über seine Lage ironisieren. Als ich vor einigen Tagen den Trend zu den Blogs bei den Redaktionen als die nächste Stolperfalle angesprochen habe (Link), konnte ich nicht ahnen, dass meine böse Prophezeiung so schnell in die Erfüllung geht. Da habe ich auch was gelernt!

Und nun in gewohnter Weise einige Fragmente, die vielleicht selbstredend sind.

Alan Posener amüsiert sich am 3.5 (Link):

Zensur bei Apocalypso

Skandal! Apocalypso wird zensiert.  

Das ist ein Witz, alles lacht mit. Am 7.5 legt er nach (Link):

Zensur bei Apocalypso (II)

Angeblich wird Apocalypso immer noch zensiert. Dem ist aber nicht so.  

Posener merkt immer noch nicht, dass er tief in der Falle sitzt und argumentiert am 8.5 weiter (Link):

Manche Leute scheinen es darauf anlegen zu wollen, zensiert zu werden, damit sie sich nachher beschweren können über die undemokratischen Zustände bei Welt-Debatte. 

Am 9.5 wird der Zensurfall auf dem Blog „Apocalypso“ durch lupo in dem Bildblog aufgedeckt (Link). Auf dem „Apocalypso“ ist seitdem bis dato die Funkstille. Die Pressemeldung des Springer-Verlags ist nicht zu toppen und wird inzwischen von allen Medien zitiert:

Dies ist die Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters. Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden.

Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten unserer Unternehmenskultur.

Bei Axel Springer gilt Meinungspluralismus, aber nicht Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen.

Hier wird zugegeben, der Blog Poseners ist kein Blog Poseners. Unkollegial  ist was den „Werten“ des Springer-Verlags nicht entspricht. Die Kritik ist „Verächtlichmachung“ und „Selbstprofilierung“. Orwell lässt grüßen. Susanne Albrecht und weitere unzählige Opfer der Zeitung auch.

Am selben Tag gibt das „Handelsblatt“ diese Nachricht weiter (Link). Darin schildert Hans-Peter Siebenhaar den Ablauf und stellt sich auf eine neutrale Position („deftiger Angriff“, „offene Kritik“, „kernige Formulierungen“, „aggressiver Seitenhieb“). Der „Spiegel“ bleibt nicht stumm und beschreibt die Geschichte in ähnlichen Tönen (Link):

„WamS“-Kommentarchef attackiert „Bild“-Chefredakteur

Man freut sich über den „Streit bei Axel Springer“, man nennt noch einige vergleichbaren Zwischenfälle und verweist auf den Bildblog. Alles neutral, klar. Vergleichbar hämisch schreibt die „Berliner Zeitung“ (Link):

Dabei hätte es Springer wissen müssen: Autor Alan Posener ist in den 60ern groß geworden.

Genauso die TAZ (Link). Alle sind mit der Bild-Zeitung beschäftigt und vergessen Posener auf der Stelle. Höchstens bedauern sie ihn wie die Zeitschrift „Internet World Business“ online (Link):

In Weblogs soll man ehrlich und authentisch sein, sagen Experten. Der Kommentarchef der „Welt am Sonntag“ nahm dies wohl zu wörtlich.  

Die Blogger-Szene reagiert erstaunlich langsam. Die meisten verhalten sich wie Nachrichtensprecher, nennen Fakten, ohne Kommentar, als wäre die Story vollkommen klar. Von vielen Dutzenden von Beiträgen sind vielleicht 5 (fünf) lesenwert:

Peter Schink schreibt in seinem privaten Weblog „Blog Age“ (Link):

Die Aufmerksamkeit wurde jedenfalls durch die Löschung so groß, dass einige Medien darüber berichten. Kommunikation im Web 2.0 ist ein komplexes Konstrukt. Und ein Vorgehen wie das gestrige wird schnell bestraft und dient nicht gerade dazu, „Online first“ zu leben und den Verlag im Internet nach vorn zu bringen.

Ich wünschte mir sehr, solche Veränderungen in der Internet-Kommunikation würden gesehen – die Kompetenz gibt es ja im Haus.

Aus meiner Sicht, sehr vorsichtig formuliert, aber immerhin. Ich gehe davon aus, dass die meisten Mitarbeiter des Springer-Verlags über eine Überlebenskompetenz verfügen und keine Mahnung oder Belehrung benötigen.

Florian Steglich im Blog „j20“ findet es entzückend (Link),

daß der Blogeintrag von Posener in ebenjenem Teil von Welt Online erschienen und aus ebenjenem wieder entfernt worden ist, der sich “Debatte” nennt und irgendwie auch was mit Streitkultur zu tun haben sollte.

Hans-Peter Heise kommentiert beim kress-redaktionsblog (Link):

Wenn sich aber ein Medienhaus dazu entschließt, seine Autoren aufzufordern, Blogs mit hoher Subjektivität zu bestücken, in denen das Gesicht des Bloggers offenbar wird und er sich nicht hinter der Marke verstecken kann, dann muss dieses Medienhaus auch akzeptieren, dass der Blogger aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Die PM, nach der skandalöserweise dieser Beitrag ohne Genehmigung der CR ins Blog kam, dokumentiert die Unkenntnis bei Springer im Hinblick auf neue Medienformen wie Weblogs. Man hat keine Ahnung von der Vernetzung und Unmittelbarkeit in der Blogosphäre und macht sich damit eher lächerlich. Der aktuelle Vorgang ist wieder ein Beleg, dass Springer noch immer ein monologisches Medienhaus ist, in dem zwar Meinungen erdacht und abgesondert, nicht aber ertragen werden.

Eine nette ironische (wenn auch etwas schwerfällige) Parodie auf die Stellungnahme des Springer-Verlags erlaubte sich Steffen im Blog Media-Ocean (Link). Die ausführlichste Erklärung der laufenden Dinge bietet Ronnie Grob im Blog „Medienlese“an (Link), darin auch witzig:

Was? Die Chefredaktion hat besseres zu tun, als ständig alle Weblogeinträge aller ihrer Mitarbeiter zu lesen? Skandal!

Im Keese-Blog geschieht seit Tagen nichts, oder? :-) Langsam wird aus der Schlammschlacht eine bühnenreife oder, besser gesagt, eine verfilmbare Story über die Meinungsfreiheit. Fein.

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3 Responses to “Schlammschlacht 3”

  1. […] Die Süddeutsche Zeitung will alles besser wissen. Neulich hat Hans Leyendecker über die Posener-Affäre doziert (Link): Poseners Polemik ist aus vielerlei Gründen interessant: Wenn es das Internet nicht […]

  2. […] aufgedeckt, in diesem Blog unter dem Titel “Schlammschlacht 3″ beschrieben (Link). Darin habe ich vermutet, dass die meisten Mitarbeiter des Springer-Verlags über eine […]


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