Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Keine Schlammschlacht (4) mehr Mittwoch, 16. Mai 2007

Filed under: Blogging,Medien,Stefan Niggemeier — peet @ 7:49 Uhr
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Mit dem fulminanten Auftritt von Christoph Keese und seinen Thesen über die Zensur und die Meinungsfreiheit ist die Posener-Debatte endlich zum großen Medienskandal geworden. Cristopher Keil hat dem Chefredakteur der „Welt am Sonntag“ Offenbarungen entlockt, die nicht mehr gelöscht werden können (Link):

[…] professioneller Journalismus besteht aus der Kombination von Schreiben und Redigieren. Im Journalismus gibt es keinen Einhandbetrieb, sondern Autoren, die Texte schreiben, und Redakteure, die Texte bearbeiten, oft in einem vielstufigen Verfahren. Erst dadurch entsteht professioneller Journalismus.

Gute Redaktionen lesen Texte in drei, vier oder fünf unterschiedlichen Stufen gegen, bevor diese veröffentlicht werden. Was am Ende in der Zeitung oder online erscheint, ist Teamarbeit. Genau das erwarten Leser von uns: ein sorgsam begründetes Urteil aufgrund sachlich korrekter Informationen.  

[…] Pressefreiheit ist die Freiheit einer Redaktion gegenüber einem staatlichen Zensor und gegenüber Drittinteressen. Eine binnenredaktionelle Pressefreiheit gegenüber dem Chefredakteur kann es nicht geben – das wäre ein absurder Gedanke. Redaktionen haben eine hierarchische Struktur, weil Jahrhunderte Erfahrung gezeigt haben, dass so die höchste Qualität entsteht. In den Gesetzen der Bundesländer ist geregelt, wer die presserechtliche Verantwortung trägt.

Dieser Verantwortliche muss das Recht haben, Maßstäbe zu setzen und deren Einhaltung zu kontrollieren. Das ist keine Zensur, sondern normaler Journalismus. Eine gute Redaktion wie wir pflegt intern eine lebhafte Debatte. Aber absolute Freiheit eines Redakteurs gegen den Rest und die Spitze der Redaktion kann es nicht geben. Wenn ein Redakteur absolute Pressefreiheit gegenüber seinem Chefredakteur in Anspruch nähme, wäre das ein Widerspruch in sich.

[…] In der Diskussion taucht immer wieder der Begriff des Zensors auf. Doch wer sich als professioneller Autor redigieren lässt, unterwirft sich keiner Zensur, sondern der Bearbeitung durch einen Kollegen. Dies ist etwas ganz und gar anderes. 

Ich muss Keese enttäuschen. Was er hier behauptet, stimmt nicht. Was er unter Pressefreiheit versteht, ist Zensur. Sein Verlag und die gesamte Branche haben ein Problem, denn auf diese Weise wurde das Geheimnis ausgesprochen: Es gibt unter Keese keine Pressefreiheit. Autoren dürfen ihre Texte nicht eins-zu-eins in der „Welt“ publizieren, diese werden von mehreren Redakteuren verändert. Die Geschichte der Presse wird dabei leichter Hand umgeschrieben bis zur Unkenntlichkeit.

Die Reaktionen sind bis jetzt unausgeglichen – stumm in der Presse, laut heftig in der Blogosphäre. Die – aus meiner Sicht – wichtigsten bis dato wären:

Von Matthias Dell in der Netzzeitung (Link):

Hat die Pressefreiheit in diesem Land noch eine Chance? 

Von Thomas Knüwer, der sich in seinem Handelsblatt-Blog (Link) gerade in diesem Punkt bereit zeigt, mit den Verhältnissen zu arrangieren und einem Alan Posener seine private Meinung nicht als solche abkauft:

Es kann in der Tat nicht sein, dass interne Zwistigkeiten so in die Öffentlichkeit getragen werden. Ich rätsele, ob Posener wirklich glaubte, damit durchzukommen. […] Das darf eine Chefetage nicht zulassen (deshalb auch gilt bei mir die Regeln, dass ich nichts Negatives über meinen Arbeitgeber schreibe – aber auch keine unnötigen Jubelarien).

Ein Journalist denkt hier wie ein Blogger:

Blogs sind nicht „private Tagebücher“, sie können private Tagebücher sein. Genauso wie Zeitungen billiger Sensationsjournalismus und hoch qualitative Information sein können. Blogs sind ebenso ernst zu nehmende Informationsplattformen, die von Keese anscheinend nicht gelesen werden. Warum aber bezeichnet Welt Online seine Blogs als Blogs, wenn Blogs „private Tagebücher“ sind? Und wenn Blogs private Tagebücher sind, warum darf Alan Posener nicht seine private Meinung reinschreiben?

Rhetorische Fragen. In der Hoffnung, dass Keeses Leitartikel besser argumentiert sind, als seine Interviewantworten. Alan Posner macht sich über diesen Unsinn heute schon lustig. Er nutzt sein Blog als privates Tagebuch – und feiert seine Tochter.

Mit dem Gegenlesen von Blog-Einträgen diskreditiert der Chef seinen gesamten Debattenbereich.

Auf die Empörung einiger seiner Leser antwortet Thomas Knüwer nicht weniger deutlich:

Redaktionen sind nicht so unabhängig, wie sie gerne wären. Natürlich unterliegen sie als Teil eines Medienkonzerns gewissen Zwängen. Das ist nicht schön. Doch die Alternative wäre oft der Tod der Blätter. Ist das besser?

So arrangiert man sich also. Ein Leser „Ceteris Paribus“  schliesst ab:

Keeses Einlassungen schaden der Welt mehr, als alle Beiträge vorher, denn sie offenbaren genau die unerträgliche Vorgestrigkeit, die viele Redaktionsräume durchweht.

Sebastian Bickerich im „Tagesspiegel“ traut sich nur das Wort „die Zensur“ auszusprechen, mehr nicht (Link). Er liest ja das böse Wort bei Bloggern. Genauso vorsichtig ist der Blogger Tom Bonnemann, der bei der Welt-Debatte schreibt, aber ja von nichts wissen will (Link).

Eine Sammlung von mehreren starken Kommentaren ist im Blog von Stephan Niggemeier zu bewundern (Link). Unter anderem meldet sich ein Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung, Stephan Handel, der keinen Unterschied zwischen einer Zeitung und einem Firmenbetrieb sieht:

Ich finde Posener unprofessionell. Wenn sich der Marketing-Chef von BMW hinstellt und öffentlich verkündet, eigentlich finde er, Mercedes baue die viel besseren Autos, und der neue 3er sei ja wohl eine Fehlentwicklung, dann wird er auch ein Problem bekommen.

Stephan Handel offenbart weiter:

Bei der Zeitung schreibt der Autor seinen Text. Der wird dann in der Produktion von Produktionsredakteuren redigiert. Zumindest die wichtigeren, größeren, brisanteren Texte liest auch noch der Ressortleiter. Danach die Schlußredaktion. Und schließlich liest auch der Nachtdienst noch mal alles. Gelegentlich kommt´s noch zu Zufallsfunden, manchmal entdeckt dann sogar der Layouter noch Fehler. Rechtschreibprogramm sollte eigentlich auf allen Stufen durchlaufen.

So werden Texte verhunzt, verschlimmbessert. Stefan Niggemeier kommentiert das zurecht:

Im übrigen glaube ich, gibt es keine Zeitung in Deutschland, bei der Texte von so vielen verschiedenen Leuten „gegengelesen” und bearbeitet werden, wie die „Bild”-Zeitung. Jede Hierarchie-Ebene rückt den Originaltext ein bisschen weiter von der Wahrheit weg.

In dieser Hinsicht ist noch ein Beitrag zum Auslöser des Skandals interessant, nämlich von Christian Jakubetz in seinem Jakblog (Link), der etwas neidisch auf das Märtyrertum Poseners zu sein scheint:

Ich habe nur Bauchweh mit dem Märtyrer-Mythos Posener.

und von Ronnie Grob einige gute Fragen bekommt:

Warum hat nicht Diekmann einen Kommentar gemacht im betreffenden Weblogeintrag? So hätte man Meinungspluralität gelebt. Stattdessen hat man ungewollt zugegeben, dass man eigentlich gar keine Debatte wünscht. Warum man dann aber ein Debattenportal aufsetzt, bleibt unerklärlich.

Wie auch immer diese Fragen beanwortet werden, schon jetzt ist klar: Die Blogosphäre ist schneller und offener dabei, sich damit zu beschäftigen. Und die Presse? Ob es sich ändert?

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One Response to “Keine Schlammschlacht (4) mehr”

  1. […] sich Schirrmacher mit dem anderen großen Qualitätsjournalisten der Merkel-Ära (vgl. Link): In Deutschland nennen wir das, was wir tun, „Qualitätsjournalismus“, und gemeint ist ein […]


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