Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Deutscher Journalismus von aussen gesehen Samstag, 4. August 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 16:03 Uhr
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In der NZZ von gestern fand ich einen ausgezeichneten Artikel über die Zustände im deutschen Journalismus (Link). Kritisch und mit klaren Worten, wie z.B.:

In der Bundesrepublik verwechselte man seit den 1980er Jahren systematisch New Journalism mit Zeitgeistjournalismus, schrillen Geschichten aus der Ich-Perspektive oder flachen Society-Beschreibungen. […]

Im Jahr 1900 hatte Maximilian Harden mit Karl Kraus korrespondiert, man müsse es dahin bringen, «dass der publicistische Arbeiter die Zeitungen, die er schreibt, auch wirklich leitet und nicht gezwungen ist, täglich zweimal in den höchsten Brusttönen zu verkünden, was er nicht glaubt». Darüber war ja noch zu diskutieren, aber Harden formulierte weiter: «Sonst kommen wir schnell zu amerikanischen Zuständen, und die Journalistik, der heute schon Depeschen und Reportagen wichtiger sind, als Stil, Können, Sachkenntnis und Überzeugung, hört völlig auf, ein Zweig der Literatur zu sein.»

In der Weimarer Republik setzte sich hier und da die Erkenntnis durch, dass vor allem Reportagen etwas mit Stil, Sachkenntnis und auch Überzeugung zu tun hatten. Doch 1933 planierten Goebbels und sein nationalsozialistischer Lenkungsapparat die publizistische Szenerie; die im Reich verbliebenen bürgerlichen Journalisten liessen sich weitgehend einbinden. Es ist einleuchtend, dass bei dieser Vorgeschichte die Identität des Journalismus in der Bundesrepublik fragil blieb. Vieles wurde jetzt angelernt, manches beschwiegen, aber niemand konnte bestreiten, dass sich in den 1960er Jahren, als Resultat der westalliierten Medienpolitik, eine auch im internationalen Vergleich vielfältige und konkurrenzfähige Medienstruktur entwickelte.

Hitler und seine Spiessgesellen waren trotz ständiger medialer Wiederauferstehung schon sehr im historischen Nebel verschwunden, als sich in der wieder vergrösserten Berliner Republik nach 1989 ein deutscher Neo-Journalismus herausbildete, der sich in nationalromantischen Reflexionen und retrofuturistischen Befürchtungen wieder mit dem Deutschsein an und für sich auseinandersetzte. Das Leit-Vokabular entsprechender Sachbücher, die neben vielen Artikeln von den wirkungsmächtigen Wortführern verfasst wurden, klang nach der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: «Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft» (Frank Schirrmacher, «FAZ»), «Wir Deutschen» (Matthias Matussek, «Spiegel»), «Die Berliner Republik als Vaterland» (Eckart Fuhr, «Die Welt»), «Weltkrieg um Wohlstand» (Gabor Steingart, «Spiegel»).

Das alles schwankt, mit unterschiedlicher Akzentuierung, zwischen Euphorie und Generalalarm – bald sterben die Deutschen aus, bald sind sie Weltmeister im gelassenen Patriotismus, so wie dem fernsehenden und zeitungslesenden Publikum schon ganz schwummrig werden konnte angesichts der Ausschläge in den publizistischen Nationalprognosen. Hatten in der Endphase der Kanzlerschaft Gerhard Schröders viele Kommentatoren Deutschland ökonomisch und vom Selbstwertgefühl her in der Rangliste der zivilisierten Völker ganz nach hinten durchgereicht, weiss das Land nur zwei Jahre später gar nicht mehr, wohin mit Reichtum, Erfindergeist und überbordender Auftragslage.

Der meinungsführende Journalismus, die Elite der Branche, hat sich jedenfalls in der Berliner Republik im Schwerpunkt in die rechte Mitte bewegt, in die Richtung eines neokonservativen Zentrismus – nicht unbedingt zu verwechseln mit herkömmlichen parteipolitischen Orientierungen an CDU/CSU oder FDP. Die wesentliche Formel dieses Neo-Journalismus ist jener Wahlspruch, den Marschall Pétain für das kollaborierende Frankreich der 1940er Jahre gefunden hatte: travail, famille, patrie – Arbeit, Familie, Vaterland, angereichert heute noch um Gottesfürchtigkeit und Papstbegeisterung. Diese Entwicklung hat mit dem Abgang einer ganzen Generation von prägenden Nachkriegspublizisten und Herausgebern zu tun, mit Posen der Abgrenzung jüngerer Wortführer von allem, was sich politisch und pädagogisch mit 1968 verbinden lässt, mit dem Gefühl von latent bedrohtem deutschem Wohlstand in der Globalisierung, vor allem mit einem politischen Vakuum – es fehlt ein modernes linksliberales Projekt in der handelnden Politik, das auch für den Journalismus sinnstiftend sein könnte.

Rudolf Augstein, Henri Nannen («Stern»), Gerd Bucerius und Marion Gräfin Dönhoff («Zeit»), keine dieser publizistischen Persönlichkeiten kam aus der politischen Linken. Aber das Hamburger Kartell focht, gemeinsam mit der «Süddeutschen Zeitung», der «Frankfurter Rundschau» und Teilen des öffentlichen Rundfunks, für die Anerkennung der Ostgrenzen, für gesellschaftliche Libertinage oder zumindest Toleranz, letztlich für eine sozialliberale Regierung. Zum einen war das linksliberale politisch-publizistische Projekt erfolgreich – die Gesellschaft wurde offener, ziviler, lebendiger; zum anderen wurden Bürokratie und Staatsgläubigkeit bedenklich gefördert. […]

Der Verlust der ideologischen Pole und die mangelnden Bezugspunkte im klassisch-politischen Raum haben für jeden Journalismus, der sich als politisch versteht, zunächst Sinnverlust zur Folge, weil schwerer zu definieren ist, wofür und wogegen geschrieben oder gesendet werden soll. Es wird nach Ersatz gesucht. Der Neo-Journalismus findet ihn im Rückgriff auf die alten bürgerlichen Werte, aber er will im 21. Jahrhundert zugleich trendy und hauptstädtisch hip sein.

So sieht sich auch der Kulturchef des «Spiegels», Matthias Matussek, als Partisan und Verkünder eines deutschen Woodstock-Nationalgefühls. Der Journalismus habe «tatsächlich etwas Guerillamässiges bekommen», sagte er kürzlich in einem Interview; «ich weiss nicht, ob sich das denkerische Niveau unbedingt verbessert hat, aber der Journalismus ist auf alle Fälle lustiger und unterhaltsamer geworden. Das befürworte ich sehr.» In seinem programmatischen Werk «Wir Deutschen» hat Matussek das patriotische Entertainment schon einmal durchdekliniert, indem er «Hitler als Freak-Unfall der Deutschen» definierte, durch Berlin-Mitte gondelte und in seinem Prozess der «Deutschwerdung» lauter völlig gelassene Denker, Galeristen und Party-People traf, aber auch ältere deutsche Zeitgenossen wie Klaus von Dohnanyi mit solchen Fragen löcherte: «Etwa zu welcher Zeit war Deutschland wohl das tollste Land auf Erden? 1790–1800? Um 1300? 1989? In den zwanziger Jahren?»

«Wir Deutschen», findet Matussek, «sind witzig, wir haben Stil, wir haben Heinrich Heine und jenseits des Holocausts eine reiche, stolze Geschichte. Warum mögen wir uns eigentlich nicht?» Hier findet eine Art psychologischer Übertragung vom Autor auf das gesamte Volk statt. Matusseks Wendungen und Kehren sollen unsere Probleme sein. Warum Journalisten nationalerzieherisch zu «lässigem, aber auch prononciertem Patriotismus» aufrufen müssen, bleibt unerfindlich. Journalismus ist, von einer möglichst wahrhaftigen Nachrichtengebung einmal abgesehen, ein säkularer, liberaler, skeptisch-ironischer Beruf. Die Wortführer werden diese historische Identität als Agenten der Aufklärung weiterhin annehmen müssen, wenn sie ihrem Publikum nicht als schwankende Gestalten, suspekt und aufdringlich, erscheinen wollen.

Dies hat Lutz Hachmeister geschrieben. Dieselben Ideen hat er in einem Interview an die „Welt“ vor einigen Monaten etwas plauderiger ausgesprochen (Link) und schon vor Jahren in einem sperrigen Text in der TAZ (Link). In der NZZ also durfte er sich am deutlichsten aussprechen. Drei bemerkenswert einstimmig ausfallende negative Buchkritiken für das neueste Werk Hachmeisters „Nervöse Zone“ zum selben Thema bestätigen, dass er Recht hat (TAZ, Frankfurter Rundschau, Märkische Allgemeine). Gut getroffen!

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One Response to “Deutscher Journalismus von aussen gesehen”

  1. Domschi Says:

    Stimmt. Wirklich gut getroffen!


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