Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Bourne III und die Presse Samstag, 8. September 2007

Filed under: Film,Medien — peet @ 14:08 Uhr
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In der Beurteilung des neuen Films über Jason Bourne („Bourne Ultimatum„) liegen die Verhältnisse überraschend anders als sonst: Die meisten Rezensionen sind voller Begeisterung und Lob – nur wenige, wirklich ganz wenige Autoren erlauben sich Kritik.

Meiner Meinung nach ist dieser Film misslungen. Die Montage ersetzt hier die Filmkunst, dabei auf eine zersetzende Art mit dem Plan, rhythmisch zu wirken. Man kommt fast ohne Personengestaltung aus, fast ohne Sinngebung, ohne mimisches Spiel, ohne Übergänge bei der Story. Was übrigbleibt, ist Aktion, aber auch sie zerfällt durch ein viel zu schnelles Tempo. Die einzige der großangelegten Szenen, welche ich bereit bin zu akzeptieren, ist diejenige in London, die darauffolgenden – in Tanger und New York – sind offensichtlich erst auf dem Bildschirm des Editors entstanden. Ich würde das Resultat als eine Monotonie des Schnittes bezeichnen. Spannung und Brutalität werden hier nicht mit einer Prise von Menschlichkeit ausgeglichen, wie in den ersten zwei Teilen.

Die Presse jubelt allerdings so überschwenglich, dass sich mir der Verdacht aufdrängt, dass die Autoren weniger vom Kino verstehen als von der Vermarktung. Schade.

In der amerikanischen Presse habe ich nur einen einzigen Verriss gefunden, der mir zusagt, nämlich in der Zeitung „Seattle Post-Intelligencer“ (Link). William Arnold schreibt:

With virtually every sequence shot like a battlefield documentary — from a jerky hand-held camera framed extremely closely — and edited like an MTV music video, the movie is so surreal it’s just not very involving. As an action extravaganza, it’s busy but dull. […] Greengrass‘ effort to make his film the last word in tightly framed, nervous-camera action scenes is fairly disastrous. Most of the sequences are such a mess that we simply can’t tell what’s happening in them. The cumulative effect is boredom.

This semidocumentary style — which tries to put the viewer right in the action, instead of viewing it from outside — is a recent trend that has been increasingly creeping into Hollywood filmmaking since „Batman Begins“ in 2005.

And, used more sparingly, it worked for Greengrass in his earlier films „Bloody Sunday“ and especially „United 93,“ in which the claustrophobic confusion of the visuals eerily re-created the feel of what it must have been like on that ill-fated flight.

But it’s not at all suited to an epic action blockbuster. The $100 million spent on „Bourne 3“ seems a waste because most of the movie is just a blur on the screen. It cries out for a few long shots to orient us as to what the heck is going on.

In der deutschen Presse ist nur Jürgen Kiontke in der Zeitung „Jungle World“ kritisch (Link):

Bloßes Tempo herzustellen, scheint die letzte Zuflucht des Mainstream­kinos zu sein. Überhaupt ist die Geschwindigkeit das derzeitig Entscheidende des Kinofilms, wie sonst nur, extrem langsam, im Doom Metal: Während die Arthouse-Regisseure ihr Heil ein ums andere Mal im demonstrativen Abfilmen von Stillstand suchen, soll es im Haupt­haus so rasant zugehen, dass der Verstand den Bildern nicht mehr hinterherkommt. […] Es geht um pure Geschwindigkeit, sie hat kein Sujet, und sie erzählt auch nicht von viel mehr als von Mord. […]

Ein weiteres Element der Hochgeschwindigkeit: Einsatz, Optik und Wahrnehmung von Schusswaffen. Früher feuerte der Held oder Bösewicht, und es gab einen großen Knall. Heute scheint die Kamera sich auf die Perspektive des Einschlags zu konzentrieren. Wir stehen zwischen den Getroffenen und neben ihnen, wenn die Kugeln in ihre Körper einschlagen. Es handelt sich um bloße, unvermittelte und rasende Wirkung. Die Kriegs- und Schusswechsel­szenen wirken um ein Vielfaches brutaler und unkon­trollierbarer.

Man erlebt den Tod mit den Getroffenen schneller, als man einen Schützen jemals lokalisieren kann. Entwickelt wurde diese Einschlagsoptik wohl von Steven Spielberg in der Anfangssequenz von »Saving Private James Ryan«, kurioserweise sollten hier die Fotografien des D-Day, der Landung der Alliierten in Frankreich, ihre Entsprechung im Kino erhalten. […]

Etwas neutraler, aber immer noch aburteilend äußert sich Ekkehard Knörer beim Perlentaucher (Link):

Greengrass gönnt dem Betrachter kaum einen Moment der Ruhe und Orientierung, aber gerade diese künstlich hochgepeitschte Dauererregung führt schnell zur Ermüdung. Zwar schreit beinahe jedes Bild dieses Films „Action“; jeder Zusammenhang von Bewegung und Raum zerfasert aber bis hin zur Unlesbarkeit des Geschehens: etwas bewegt sich, Jason Bourne rennt, Jason Bourne springt über Gassen von Fenster zu Fenster, hier ein Verfolger, da ein Verfolger, Jason Bourne kämpft auf Leben und Tod.

Man wird von den Bildern abgewatscht wie ein heillos überforderter Boxer, Schlag folgt auf Schlag. Je länger dies Bilder-Stakkato auf einen niedergeht, desto klarer wird aber eine fatale Inkongruenz. Es ist ein Mangel an innovativen oder originellen Ideen, der hier verdeckt wird von der Mimikry ans Dokumentarische. Hinter der aufgewühlten Bildproduktion liegen die üblichen Versatzstücke von Liebe und Verrat, Abziehbilder böser Geheimdienstaktionen und noch an der Amnesie des Helden ist nichts, das aus unzähligen anderen Geschichten nicht längst vertraut wäre. So tut dieser Film auf höchst künstliche Weise einfach und haspelt sich orientierungslos durch Raum und Aktion. Die hinter der Action gähnende Leere frisst sich aber, je länger das dauert, hinein in die Bilder, in die Figuren und zuletzt auch ins Hirn des Betrachters.

Die anderen zahlreichen Texte zitiere ich nicht, sie sind fast ausnahmslos unkritisch. Zu den Besten von ihnen würde ich Texte von Franz Everschor (Link) und Daniel Bickermann (Link) zählen. Ein Beispiel der plumpen Politisierung liefert Fritz Göttler bei der „Süddeutschen Zeitung“ (Link):

Jason Bourne ist der Mann der George-W.-Bush-Ära. […] Ein Subversiver, ein Anarchist – das gilt auch für Greengrass, der ein Linker geblieben ist, auch wenn er sich nun seinen Traum verwirklichen kann, großes Kino in Amerika zu machen. Bourne ist gewissermaßen Politik von unten, von ganz unten. „Die Leute reden von Bush und Blair“, sagt Greengrass, „als würden sich zwei Herrscher auf einem Feld treffen und einfach mal so beschließen, in den Irak einzumarschieren … Ich finde, das ist keine hilfreiche Art, die Welt zu verstehen.“

Nur noch ein Zitat vielleicht doch, denn eine antisemitische Filmbesprechung habe ich noch nie gelesen, jetzt aber (Link):

Vosen ist ein Überzeugungstäter und beileibe nicht das, was man einen unmoralischen, schlechten oder bösartigen Menschen nennen würde. Eher jemand, der aus beruflichen Gründen seine Skrupel beim Concierge in der Empfangshalle des Bürokomplexes abgibt. Hierarchisch vor Vosen und an der Spitze des Systems steht Ezra Kramer, eine weitere Figur mit jüdischem Klang also.

Zu dieser Glanzleistung gratuliere ich Sascha Keilholz und die Internetseite critic.de.

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2 Responses to “Bourne III und die Presse”

  1. Soraly Says:

    Ich sehe die Verhältnisse anders, wenn auch ich deinen Ausführungen und Referenzen Recht geben muss.

    Greengrass Film ist an Action, im Sinne von donnernden Musikstücken und rasenden Kamerafahrten mit einer schluderigen Handkamera, gebunden. Seine Aussagekraft verschwindet hinter unzähligen Sprüngen seines Hauptprotagonisten, mal durch Fenster, über Hochhäuser oder einfach im Wettlauf mit der Zeit, obwohl die Frage entsteht, warum nach drei Jahren immer noch eine derartige Gier in einem Mann lauert.

    Doch „Das Bourne Ultimatum“ setzt gerade auf diese Weise neue Maßstäbe. Er ist die Zukunft des Actionkinos, der in seinen Grundfesten gut und schlecht aufgenommen werden kann. Das dokumentarisch Anmutende offenbart eine bislang versteckte Facette: Action benötigt nur einige wenige Bestandteile, um Spannung zu erzeugen. Hart, schnell, laut und dabei minder unlogisch als „Stirb Langsam 4“. Zu schnell ist dann eine reine Definitionsangelegenheit.

    Wenn die Presse schreit, versteht sie keinen Deut, wenn sie jubelt allerdings ebenfalls nicht. Und dabei jubeln größtenteils zweierlei Parteien nach dem Kinobesuch: Kritiker und das Massenpublikum. So soll es sein. Vor allem bei einer Fortsetzung die nach dem lauen Kinosommer endlich schwungvoll beweist, dass über drei Filme eine stringente Erzählung gespannt werden kann.

  2. affentausch Says:

    Ich empfand den Film, insbesonder durch die unruhige Kamerafühurng, als extrem anstregend und nervig. Als ich aus dem Kino war ich richtig aufgekratzt. Und das obwohl ich den Film eigentlich nicht als sonderlich spannend empfunden habe. Die hastigen Verfolgungssequenzen, die im Gegensatz zu den beiden ersten Filmen deutlich an Glaubwürdigkeit verloren haben, sind eher effekthascherei als clevere Agententricks. Völlig überbewerteter Film!


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