Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Gunther Nickel verteidigt Walser, Grass und Handke Freitag, 5. Oktober 2007

Der verantwortungsbewusste Vertreter einer ehrwürdigen Institution – Deutscher Literaturfonds, unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes, – trat bei der Tagung „MedienGrass“ in Bremen auf. Jetzt kann man seinen Vortrag im Internet bewundern (Link).

Kritiker und die FAZ sind an allem schuld, meint er. Eigentlich wenn die FAZ dem Boden gleichgemacht wird, sollte man sich freuen. Bei der Poesie eines Gunther Nickels geht das leider nicht. Alle Welt weiß inzwischen, dass Martin Walser mit antisemitischen Motiven seit je meisterhaft arbeitet, die FAZ weiß es auch. Gunther Nickel weiß das nicht und ist seines Unwissens sicher – so als gäbe es für ihn kein Buch von Matthias N. Lorenz und keine Diskussion dazu, die einem jeden Walser-Dilletanten bekannt hätte sein müssen. Aber ein Professor für die neuere deutsche Literaturgeschichte, selbst Autor der FAZ, weiß alles besser, wie immer.

Beim Thema Grass und seine Vergangenheit geht es ihm nur um die Frage, ob es schlimm gewesen war, zur Waffen-SS zu gehören, oder doch nicht. Dabei erhebt sich die Stimme des Redners, als er auf „den sogenannten Holocaust“ zu sprechen kommt. Wozu ein „Geständnis“,

wenn die Waffen-SS doch in der Zeit, in der Grass ihr angehörte, gar keine Elitekampftruppe mehr war und er sich keiner Verbrechen schuldig gemacht hat?

Zum Schluss des Abschnitts stellt sich Gunther Nickel einer Gretchenfrage und weiß nicht weiter:

Warum Grass freilich selbst aus seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft ein schwer auf ihm lastendendes Geheimnis seines Lebens gemacht hat, das nun endlich „raus müsse“, ist das eigentliche Rätsel dieses Skandals.

Diese Frage wird sofort vergessen, denn wo es keine Antwort gibt, sind alle leicht vergesslich. Gleich springt der Autor zu Handke, der ja schon gesagt hat, dass er unschuldig sei. Und keine Meinung zu Milosevic habe. Er sage und tue doch gar nichts. Was will man mehr?

Fazit: Alle drei sind „Opfer von Kampagnen“. Es gibt nur eine Beruhigung:

Eine Feuilletonrundschau wie sie perlentaucher.de im Internet täglich kostenlos anbietet, leistet zum Glück kompensatorisch, was eine Zeitung wie die FAZ in ihren Kampagnen verweigert.

So kann man dem Perlentaucher und noch mehr dem Titel-Magazin zur erfolgreichen Popularisierung eines nächsten Sturms im Grass Walser gratulieren.

UPDATE: Wie ich gerade feststelle, hat die FAZ schon am 2.10.2008 den armen Kämpfer in ihrer üblichen Manier von oben herab geputzt (Link).

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5 Responses to “Gunther Nickel verteidigt Walser, Grass und Handke”

  1. Naja, besonders profund ist diese Auseinandersetzung aber nicht. Und Nickel zeigt sehr deutlich, dass am Antisemitismus-Vorwurf an Walser reichlich wenig dran ist. Jeder Depp weiss, dass in der Figur des Kritikers in „Tod eines Kritikers“ mindestens noch Charaktereigenschaften zwei anderer Kritiker eingeflochten wurden. Wie meinte Ulrich Greiner damals schon in seiner Besprechung zum Lorenz-Buch:

    „Wenn also Walser einem Juden negative Eigenschaften zuordnet, so ist er Antisemit. Wenn er eine Romanperson mit jenen negativen Eigenschaften ausstattet, die Antisemiten üblicherweise den Juden zusprechen, ist er ebenfalls Antisemit, selbst dann (und gerade dann), wenn er zu verbergen trachtet, dass die gemeinte Person ein Jude ist. Das nenne ich das Antisemitismusspiel. Es gelingt immer.“

    Und es gelingt auch bei fast jedem. Wenn man es denn will.

  2. peetgp Says:

    Danke für die „nette“ Sprache! Hätte mich auch gewundert, wenn ich von deiner Seite aus ein Lob bekommen hätte. :-)
    Ich quittiere hier nur, dass es angekommen ist: Ulrich Greiners Angriff auf das Lorenz-Buch gehört zu den bekannten antisemitischen Texten. Eine lustige Diskussion dazu habe ich an einer anderen Stelle 2005 mit der Einbeziehung eines brillanten Artikels von Micha Brumlik geführt:
    http://www.wer-weiss-was.de/theme73/article3111125.html#3113589

  3. Don Quijote Says:

    Jetzt ist also auch noch Ulrich Greiner, der Literaturchef der ZEIT, endlich als Antisemit enttarnt! Matthias N. Lorenz schreibt darüber nicht zufälig gerade ein Buch, mit dem er sich dann habilitieren wird? Hoffentlich lernt er bis dahin ein paar Basics, die man eigentlich schon im ersten Semester des Germanistkstudiums draufhaben sollte, zum Beispiel den Unterschied zwischen Konjunktiv und Indikativ oder den zwischen Figurenrede und Autorintention.

  4. peetgp Says:

    Sind da draußen noch viele Spezialisten in Sachen Konjunktiv unterwegs? Ich verlinke diesmal direkt den Link zum Artikel von Brumlik, da, wie ich sehe, der frühere nicht mehr aktuell ist:
    https://www.metzlerverlag.de/download/rezensionen/3-476-02119-X_fr_050908.pdf

  5. maxfanta Says:

    also ich für meinen teil werde handke immer verteidigen, grass naja und martin walser nie; über martin walser möchte ich nicht einmal nachdenken, kommt mir nämlich immer sofort robert walser in den sinn und in anbetracht von robert walser ist martin walser nur ein gartenzwerg.


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