Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Russische Dissidenten und die Presse: Bukowski und Jusik Montag, 5. November 2007

Filed under: Blogging,Medien,Politik,Russland — peet @ 15:14 Uhr
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Ein bemerkenswerter Skandal in der russischen Blogszene. Der Fall beginnt damit, dass Wladimir Bukowski, der große Veteran der Dissidenten, der Autor des großartigen Buchs „Moskauer Prozess“, nach Moskau kam, um sich an dem politischen Kampf 2007 zu beteiligen. Die überwiegend Pro-Putin-gestimmte Presse machte sich über ihn lustig, unter anderem die „Komsomolskaja Prawda“, die infolge der Glasnost-Politik zu einer Boulevardzeitung der schlimmsten Sorte wurde. Unter dem billigen verlogenen Text steht die Unterschrift einer vergleichsweise jungen Journalistin Julia Jusik, die inzwischen in Deutschland durch zwei Bücher zu tschetschenischen Themen bekannt ist.

Das ist nichts Neues, würde der erfahrene Leser sagen. Ja, aber jetzt wird’s spannend. Frau Jusik vermerkt in ihrem Blog am selben Abend, als der Artikel erschienen ist, dass ihre Skrupel ihr keine Ruhe lassen, und offenbart dabei, dass der Text in der Redaktion bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben wurde. Am nächsten Tag wird sie, bis dato eine freie Mitarbeiterin der Redaktion, vom Chef höchstpersönlich aus der Zeitung wegkomplementiert. Dann erzählt sie das in ihrem Blog und… wird auf einmal berühmt. Blogger kommentieren ihre Eintragungen zu Hunderten, zwingen die geplagte junge Dame einige der Texte vom Netz zu nehmen, kopieren die verschwundenden Bekenntnisse und streiten sich unermüdlich weiter.

Ist es schon alles? Nein. Der Artikel wird inhaltlich auf Lügen analysiert, ihre Bücher der engen Verbindung zum KGB bezichtigt, sowohl in den Inhalten als auch in der Botschaft, ihre Moral nach dem Motto „Ich war junge Mutter und brauchte das Geld“ in den „gelöschten“ Blogpostings auseinandergenommen. Eine kostbare Geschichte, würde ich meinen. Wenn noch dazu die eigentümlich  schmutzige Tagebuchsprache der versierten Autorin in Betracht gezogen werden könnte, wäre das Bild noch kompletter.

Wie auch immer, was ich sagen wollte, ist ganz einfach: Das wichtigste Buch von Bukowski, grundlegend für die Geschichte der Sowjetunion, ist noch nicht ins Deutsche übersetzt worden, von Jusik gibt es zwei. Warum nur? Nebenbei gemerkt, auch das epochale Buch von Juri Schtschekotschichin „Die Sklaven der Staatssicherheit“, für das er vergiftet wurde, ist auch nicht erhältlich, zwei Bücher einer Julia Jusik schon.

Für russisch versierte Leser gibt es mehr Links:

Der Artikel selbst, vom 17. Oktober (Link) – der gebliebene Beitrag Jusiks in ihrem Blog am 20. Oktober(Link) – noch ein Kommentar von ihr in ihrem Blog vom 18. Oktober (Link) – ihre von ihr gelöschte Selbstbezichtigung in einem anderen Blog (Link) – Sprachanalyse des Artikels (Link) – Aage Borchgrevink über Jusik („Mit lügenden Grüßen aus Russland“, ein norwegischer Link, russische Übersetzung – Link)

UPDATE: Ein Buch von Bukowski in Deutsch ist zum Thema doch erschienen und heißt Abrechnung mit Moskau (2000). Siehe einen Beitrag bei „Gegenstimme“ (Link). Ob es rezipiert wird?

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