Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Abrechnung mit Böll Sonntag, 23. Dezember 2007

Filed under: Deutschland,Geschichte,Literatur,Medien — peet @ 13:45 Uhr
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Zum 90. Geburtstag des großen Schriftstellers Heinrich Böll sind einige Publikationen erschienen, unter anderem mehrere Zeitungsartikel. In der „Welt“ mehr als anderswo. Darunter auch einige, milde gesagt kritische. Der Ton und der Unterton lassen mich vermuten, es geht hier um denselben ideologischen Kampf, den der Springerverlag zu Lebzeiten des Literaten mit ihm geführt hat.

Besonders unangenehm ist der Text von Tilman Krause (Link). Künstlerisch wie politisch wird hier mit Böll abgerechnet:

Er wird kaum mehr gelesen, und es gehören keine prophetischen Gaben dazu, um zu sagen: Das bleibt auch so. […] Vor allem das nunmehr groß Gewollte, das man bei Böll mit dem „Billard um halb zehn“ von 1959 beginnen lassen kann, es hält ästhetisch einfach nicht stand. Die plumpe Symbolik vom Sakrament des Lammes (Christentum) und des Büffels (Geist der Gewalt) ist es gar nicht mal so sehr. Vor allem ist es das Unverhältnis zur Form, ist es die vollständige Abwesenheit von Humor, Ironie, Charme, sprachlichem Reiz, was die Lektüre böllscher Werke heute so unbefriedigend macht. Sicher, sie waren wichtig in ihrer Zeit als Gebrauchsliteratur für das schlechte Gewissen. Dazu hatten die Deutschen nach 1945 ja wahrlich allen Anlass. Aber sie gehen auf im Horizont der Fünfziger-, Sechzigerjahre, weisen in nichts darüber hinaus. Was danach kam, war der hanebüchene Unsinn der „Katharina Blum“ mit seiner einfältigen Schwarz-Weiß-Malerei, ein trauriges Dokument der Wahrnehmungsschwäche, die Böll ja auch das kriminelle Potential der RAF-Terroristen nicht erkennen ließ. […] Denn Böll steht für die alte Bundesrepublik. Und nichts ist aus dem öffentlichen Bewusstsein so sehr verschwunden wie die vier Jahrzehnte Bonner Provisorium. Es beschäftigt die Fantasie einfach nicht mehr. Nichts geht von ihm aus, kein Zauber, kein Glanz, keine irgendwie geartete Verheißung.

Tanja Dückers meint es besser mit Böll, vergisst allerdings auch nicht zu sagen (Link):

Auch die Verfolgung einer jungen Frau durch die Medien, deren ubiquitäre Präsenz die Protagonistin schließlich zu einer Verzweiflungstat schreiten lässt („Die verlorene Ehre der Katharina Blum“), wirkt nicht gestrig. Oft müsste man nur Namen und Jahreszahlen austauschen. „Die ZEITUNG“, wie Böll sein fiktives, wenngleich an BILD erinnerndes Boulevardblatt nannte, wäre heute wohl ein digitales Medium.

Es ist rührend, wie die „Bild“ von heute aus der Schusslinie getragen wird. Weiter vergleicht die Autorin Äpfel mit Birnen:

Der einzige substanzielle Vorwurf stammt von Hans Erich Nossack. Der um einiges ältere Schriftsteller (1901-1977) befand, dass Bölls Werk zu sehr auf Versöhnung und Harmonie ziele. Den Roman „Ansichten eines Clowns“ (1963) hielt er für misslungen, weil „ungefährlich“. Das „metaphysische Phänomen“ des Clowns habe Böll „stümperhaft verhunzt“, befand Nossack (zitiert nach Heinrich Vormweg). Hier, ahnt man, scheint ein existenzialistischer Anspruch auf, dem Böll nicht genügen konnte.

Es ist dasselbe, wie Tolstoj und Dostojewski einander gegenüberzustellen, um den einen gegen den anderen auszuspielen.

Alles in allem sind das Versuche, die Literatur weiterhin zu politisieren, anstatt sie vor der Politisierung zu retten.

Für mich persönlich bleibt „Billard um halbzehn“ in einer Reihe mit dem „Glasperlenspiel“ und dem „Doktor Faustus“ stehen – eine notwendige Lektüre für heranwachsende Jugendliche.

Und außerdem steckt für mich hinter dieser Abrechnung die schleichende Patriotismuswelle – es wird nahegelegt, Deutschland hätte die böse Vergangenheit längst verarbeitet und Böll gehört dazu. Genau umgekehrt würde ich dies sehen – die böse Vergangenheit ist noch lange nicht verarbeitet und Böll gehört dazu. Also mit positivem Zeichen: Solange die Kritik meint, sich an Böll vergehen zu müssen, ist die Vergangenheit noch nicht Geschichte!

 

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