Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Götz Aly sieht die 68-er anders Samstag, 29. Dezember 2007

Filed under: Allgemein — peet @ 12:06 Uhr
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In der TAZ von heute erlaubt Katharina Rutschky, sich von Götz Aly vorführen zu lassen. Vor diesem Hintergrund erscheinen seine Argumente und nachdenkliche Weise, sich selbst zu hinterfragen, besonders ehrlich und überzeugend. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, insbesondere angesichts eines Schwalls der sinnlosen Plaudereien zum Thema in der Presse.

Darunter:

1967 siezten sich die deutschen Studenten ja noch. Da war man Fräulein Schmidt und Herr Aly. Man trug Faltenrock oder Krawatte und Jackett und kriegte einen Nervenzusammenbruch, wenn man zum Professor in die Sprechstunde musste. Aber all die Befreiungsschriften von damals sind Müll, unerträglich. Nicht nur die Theorie, auch die Schriften zu den Kinderläden. Es steht kein vernünftiger Satz drin, nichts, was man heute noch mit Gewinn lesen könnte. […]

In Berlin war das das SDS-Trio Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler. Natürlich haben wir damals „Die Rebellion der Studenten“ gelesen. Aber da stehen Dinge drin, da zieht es Ihnen die Schuhe aus. Da sagt Dutschke sinngemäß: Wenn wir nach dem Tod von Benno Ohnesorg den Widerstand nicht fortsetzen, machen wir uns zum Juden. Stellen Sie sich vor, ein brandenburgischer Bürgermeister würde heute sagen: Wenn wir den Widerstand gegen eine Müllverbrennungsanlage oder ein Ausländerheim nicht fortsetzen, machen wir uns zum Juden. Der Kerl würde morgen im politischen Orkus verschwinden. Aber damals war Dutschke ein Vorbild. Das Radikale war schön. Man konnte die Welt erklären und hatte immer Recht. Das war wunderbar. Wenn man sich heute anschaut, womit wir diesen eigenen kulturellen Raum füllten, erfasst einen das Grauen. […]

Die Mehrheit der Studenten an der Freien Universität waren Krawallschwaben. Sie kamen aus dem süddeutschen Raum, aus relativ autoritären Elternhäusern. Es waren regelrechte Repressionsflüchtlinge. Und diese süddeutschen Staaten, die reformunfähig waren, Bayern, Baden-Württemberg, auch Nordrhein-Westfalen, haben ihr Rebellionspotenzial in dieses relativ freie, reformerisch-sozialdemokratisch regierte Westberlin abgeschoben. Sie haben das Problem ausgelagert. […]

Die Frage ist doch, warum junge Deutsche auf Agnolis Parlamentarismuskritik, die inhaltlich und lebensgeschichtlich beim Faschismus anschloss, so abgefahren sind. Und warum wir Mahnungen von Löwenthal, Dahrendorf und anderen überhört haben. Und warum heute niemand weiß, dass 1968 das Jahr mit den meisten NS-Prozessen in der Geschichte der Bundesrepublik und den meisten lebenslänglichen Verurteilungen war. 1968 enden 30 riesige Prozesse, 23 mit lebenslanger Haftstrafe. 1968 sind an die 3.000 neue Ermittlungsverfahren neu eröffnet worden. Doch für die Studentenbewegung war das kein Thema. Es gab kein Teach-in dazu, Sie finden in keiner linksradikalen Zeitung dazu Artikel. […]

1967/68 war Ausdruck einer Gesellschaftskrise der Republik, die Studenten zeigten die deutlichsten Symptome dieser Krise. Die Gesellschaft hat sich in dieser Krise erneuert – im Erziehungssystem, im Schulwesen, in dem, was man unter Pressefreiheit versteht, in der Offenheit der eigenen Geschichte gegenüber. […]

Die Revolte war nur das Symptom. Die Achtundsechziger haben daran keine besonderen Verdienste.

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One Response to “Götz Aly sieht die 68-er anders”

  1. […] ist das schon der zweite Artikel vom ihm zum Thema ‘68er und heute’ (der erste war ein Interview). Diesmal – in der Berliner Zeitung und dem Inhalt nach – eine Sammelrezension. Unter anderem eine […]


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