Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Ferror: Deutungsschwierigkeiten Samstag, 19. September 2009

Filed under: Israel,Kunst — peet @ 11:58 Uhr
Tags: ,

Vor zwei Wochen kam die Nachricht durch: Zwei israelische Künstlerinnen wollten sieben palästinensische Selbstmordattentäterinnen als christliche Madonnen ausstellen (Link), was zur öffentlichen Empörung geführt habe und zur Zurücknahme dieser Bilder. Auf dem Internet-Plakat kann man einiges erahnen, auf den vorhandenen Fotos leider nur einzelne Beispiele sehen (für die größere Darstellung bitte Bilder anklicken).

Ich habe mir langsam diese Bilder angeschaut und die Empörungsreaktion in den Zeitungsartikeln und Blogs angelesen. Ich sehe in dem Fall vielmehr innerkulturelle Probleme der israelischen Gesellschaft und kann den Grund für die Empörung im deutschsprachigen Raum nicht nachvollziehen.

Galina Bleich und Liliah Check stammen aus Russland, wurden dort zu professionellen Künstlerinnen ausgebildet und Anfang der 90er nach Israel gegangen. Folgerichtig sehen sie die Tradition der Madonnendarstellung anders, sie kommen aus St.Petersburg (mit der berühmten Eremitage) und haben in ihrer klassischen Ausbildung ganz bestimmt die christliche Abendlandkunst in sich als Ausgangsposition aufgenommen. In Israel gut angekommen, sind sie nunmal unter anderem auch von den Ängsten vor Terror betroffen, eine von ihnen war auch direkte Zeugin des Sebstmordattentats. So verarbeiten sie die Terrordrohung. Sie stellen sich die (durchaus feministische oder zumindest Genderdebatte-geprägte) Frage, wie eine Frau (=eine Mutter) morden kann? Sie benennen das Problem „ferror“, „feminist terrorism“. Es ist eine befremdliche Frage und das künstlerische Mittel soll heißen „Verfremdung“. Die politische Kunst darf provozieren.

Galina Bleich, one of the artists, is unapologetic. „I don’t understand how this turned into an insult to bereaved families. We came actually to emphasize the exact opposite. The baby in Madonna’s hands is in danger. This really needs to disturb people. It isn’t just an Israeli problem, but a global one. Therefore, we chose Madonna, who is a symbol of Christianity.
„This issue came up for me after I personally experienced a trauma when I was next to a terror attack on French Hill in Jerusalem. Ever since, I couldn’t stop thinking about it. It isn’t at all a political issue, but a personal issue. We are trying to ask how a woman, who is meant to love and give birth, became a source of hatred and murder. (Link)

Die meisten Betrachter sind unfähig darin eine Kunst zu sehen und fühlen sich persönlich angegriffen. Bezeichnend, dass die meisten Reaktionen typisch männlich aussehen:
If Ms. Bleich and Ms. Check had created a picture of Mohamed Atta nailed to the cross, and put 9/11 statistics on the card showing it, would Americans have been offended? (Link)
Had those “artists” been asked to go the whole nine yards in showing what they’re up to, they would also have displayed their painting of Hitler nailed to a cross, wearing a crown of thorns and a halo around his head (Link)
Es sind also solche Bilder, die hier gemeint sind:

Keine traditionelle Kunst. Zur Debatte steht die postmoderne Mischung aus modernen (nachgemachten) Fotos und Renaissance-Madonnen, unter anderem von Raffael (übrigens aus der Eremitage-Sammlung ), Botticelli, Leonardo.

Nur zeigen Bleich und Check die Perversion der christlichen Friedensbotschaft aus der weiblichen Perspektive heraus. Im Prinzip ist hier eine zweifache Perversion gemeint: christliche Madonnen als Symbol des Friedens als islamische heilige Frauen (was es nicht gibt). Eine Provokation? Natürlich. Ist sie gelungen? Offensichtlich ja.

Advertisements
 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s