Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Verlegers Irrweg Mittwoch, 23. September 2009

Am 11.9.2009 durfte Rolf Verleger in der Zeitung „Neues Deutschland“ einen weiteren Katechismus der guten Juden präsentieren (Link). Warum auch immer, fand der Artikel keine Aufmerksamkeit. Dem Unglück wollen wir helfen.

Das Schönste verbirgt sich am Ende des Textes. Zuerst wird die Gegenüberstellung zwischen den guten und bösen Juden mühsam aufgebaut. Verleger findet dafür seine Metapher, er spricht von der Position der Stärke und der der Verantwortung. Die Starken sind der Zionismus, die Regierung Israels, die Mehrheit seiner Bürger. Die Verantwortlichen sind Verleger selbst und seine Gesinnungsgenossen, die in Israel eine 4-5% Minderheit bilden und in Deutschland sehr laut bzw. schrill sind und von den deutschen Medien mit der besonderen Behutsamkeit liebevoll vor sich her getragen werden.
Und dann kommts:

Ist dieser Aufsatz antisemitisch?

Aus Sicht der Position der Stärke: Ja. Aus Sicht der Verantwortung: Nein. Er ist vielmehr Ausdruck einer universellen Achtung der Menschenrechte und der traditionellen Ethik des Judentums. Das Judentum war etwas und soll etwas sein, worauf wir stolz sein können. Daher muss der jüdische Staat nach Gerechtigkeit streben. Er muss Leben, Besitz, Kultur und Würde all seiner Bewohner und Nachbarn achten. Dahin müssen wir ihn bewegen.

Verleger gibt unumwunden zu: Seine Position ist aus der Sicht der überwiegenden Mehrheit der Israelis und Juden weltweit antisemitisch. Er weiß aber vom Judentum alles besser und nimmt vollmundig auf sich, alle anderen zu belehren. Der Artikel strotzt nur so von Fehlern, sowohl in der Wiedergabe der ethischen Prinzipien der jüdischen Tradition als auch in der Schilderung der historischen Abläufe. Ganz kurz nur die wichtigsten Irrungen des nicht mehr so jungen Verlegers:

Vertreibung: 700 000 Palästinenser wurden 1948 mit Gewalt und Drohungen aus Israel vertrieben

Viele von ihnen gingen von sich aus, weil ihnen der Krieg gegen und Sieg über die Juden angekündigt wurde. Alle wurden all diese Jahrzehnte hindurch in Flüchtlingslagern gewaltsam von arabischen Regierungen zusammengehalten und für die weiteren Kriege gegen Israel heiß gemacht, anstatt integriert zu werden. Die Hamas hält sie, also ihr eigenes Volk, genauso weiterhin in Flüchtlingslagern.

Enteignung: Grundbesitz und beweglicher Besitz dieser Vertriebenen wurde vom israelischen Staat beschlagnahmt.

Wer bereit war, sofort zurückzukommen, bekam Entschädigung und Wiedergutmachung. Nicht anders als enteigneten Palästinensern ist es den jüdischen Flüchtlingen aus den arabischen Staaten gegangen.

Verdrängung: Seit der Besetzung 1967 baut Israel im Westjordanland Straßen und Städte (»Siedlungen«) für nun ca. 400 000 Israelis – für Palästinenser gesperrt.

Was war da in Jordanien und Syrien, vor 1967 und nach 1967 auch? Was hat zur Besetzung 1967 geführt? Weiß das Verleger noch?

Missachtung: Die israelische Seite boykottiert seit Jahrzehnten die Vertretung der Palästinenser, aktuell die aus freien, allgemeinen und geheimen Wahlen von der Hamas gebildete Autonomiebehörde.

Die Hamas ist eine terroristische Vereinigung, deren Ziel die Vernichtung Israels ist.

Einkesselung: Israel verhindert gewaltsam freien Personen- und Güterverkehr aus und in den Gazastreifen; der Verkehr im Westjordanland, ein Gebiet drei Mal kleiner als Thüringen, quält sich durch über 600 Straßensperren.

Israel öffnet Straßen und Sperren, Übergänge, fördert die wirtschaftliche Entwicklung im Westjordanland, gerade jetzt, gerade unter Netanjahu, seit Monaten.

Verstoß gegen Recht und Gesetz: Israel ignoriert ein Gutachten des internationalen Gerichtshofs und ein Urteil des israelischen obersten Gerichts über die Sperrmauer, die die Bewohner des Dorfes Bil’in von ihren Feldern trennt; friedliche Gegendemonstrationen werden gewaltsam unterdrückt.

Die Mauer, die größtenteils ein Sicherheitszaun ist, verhindert Terrorangriffe, was durch die allgemein zugängliche Statistik jedem bekannt ist. Einzelne Windungen und tatsächliche Fehler werden heute noch im Obersten Gericht verhandelt, weswegen die Mauer immer noch nicht zu Ende gebaut worden ist.

Gefangennahme: Tausende Palästinenser sind ohne rechtliche Anhörung in israelischen Gefängnissen interniert.

Die meisten von den gemeinten Palästinensern sitzen ihre Strafe für Verbrechen nach der Verurteilung ab. Viele von ihnen werden zu Hunderten vorzeitig freigelassen. Sie bekommen Besuch von Verwandten, können studieren, telefonieren, nehmen Teil an dem politischen Leben. Wie war das mit Korporal Gilad Schalit?

Tötung: Im letzten Feldzug gegen Gaza wurden 1400 Menschen umgebracht.

Das war ein Krieg, den die Hamas gegen Israel begonnen und zu verantworten hat. Opfer sind zu bedauern, auch wenn die meisten davon Kriegsteilnehmer waren.
Fazit: Einseitig, voll auf der Seite der palästinensischen Propaganda. Über die übrigen kruden Behauptungen Verlegers vielleicht beim nächsten Mal mehr. Ganz sicher wird er noch oft genug von den friedensbewegten Medienfreunden dazu befragt werden. Ein Fall für die Neuropsychologie, würde ich sagen. Schlimmstenfalls für einen sich nächstbietenden deutschen Preis, mit einem gut ausgesuchten Laudator, wenn ihr versteht, wen ich meine.

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3 Responses to “Verlegers Irrweg”

  1. Peter Says:

    „Die Hamas hält sie, also ihr eigenes Volk, genauso weiterhin in Flüchtlingslagern.“ Nicht ganz korrekt, das macht nicht nur die Hamas, sondern auch die von der Fatah gefuehrte PA.

  2. peet Says:

    Richtig, danke für die Korrektur. Ich bezog mich auf den Satz Verlegers, deswegen verkürzt…

  3. gwunderi Says:

    Verleger verlangt von den Juden einen „ethischen Universalismus“, den er von keinem der umliegenden arabischen Staaten verlangt, für die ihre palästinensischen Brüder nur gerade als Pfand gegen das „Krebsgeschwür Israel“, das es zu vernichten gilt, gut genug sind.

    Er will die Aufgabe Israels als jüdischer Staat, als hätten die (überlebenden) Juden nicht mehr als genug Erfahrung als Minderheit in anderen Ländern. Er mutet ihnen tatsächlich zu, den einzigen (zumindest psychologisch) sicheren Hafen, der ihnen verbleibt, freiwillig aufzugeben. Sie sollen endlich aus ihrer „Abschottung“ herauskommen – jüdische Paranoia wohl? Hass und Verfolgungen alles nur Einbildung? die Hamas-Charta nur eine Halluzination?

    Mir scheint, er predigt einen von jeglicher Realität losgelösten „ethischen Universalismus“, ohne Rücksicht auf die realen Konsequenzen, ergo ohne jegliche Verantwortung.

    „Die Leute sehen nicht das grosse Unrecht, das Israel den Palästinensern seit mehr als 60 Jahren antut“? Merkwürdig: ich höre die ganze Zeit nur davon, mir scheint die ganze Welt nur darauf fixiert. Bar jeglichen „ethischen Universalismus“, wird einzig Israel die Schuld für alles Unrecht angedichtet, einzig der jüdische Staat immerzu dämonisiert. (Laut Verleger natürlich: selber schuld).

    Wenn er wenigstens die geschichtlichen Fakten nicht bis zur Unkenntlichkeit verdrehen und extrem einseitig darstellen würde, könnte ich ihm vielleicht noch gute Absichten attestieren – so aber kann ich ihm, auch als Christin, nur einen guten Rat geben:

    Soll er doch, gefolgt von seinen friedensbewegten europäischen Jüngern, als gutes Beispiel vorangehen, ich werde ihn als toten Helden beklagen oder als gnädigst am Leben gelassenen Dhimmi für ihn beten; den Israelis aber rate ich dringlichst ab, im konkreten Fall seinem „ethischen Universalismus“ zu folgen.


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