Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Perspektiven der Literatur Samstag, 26. September 2009

Filed under: Blogging,Literatur,NZZ — peet @ 17:29 Uhr
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…zeichnet Dubravka Ugrešić im interessanten Interview bei der NZZ (Link). Sie wird als eine kroatische Schriftstellerin vorgestellt und ansonsten zeigt sie sich ziemlich allwissend und von sich überzeugt. Drei Themen behandelt sie aber ganz nach meinem Geschmack, treffsicher und gut formuliert, insofern kann es nur richtig sein. :-)
Essaystik – Erzählstil – Schnelligkeit:

Die Schwierigkeit der essayistischen Form besteht darin, dass viele Essay-Schreiber unbewusst in die Rolle des allwissenden Autors schlüpfen. Ich aber mag diese autoritäre Stimme nicht. Um sie zu vermeiden, gebe ich meinen Büchern oft einen unzuverlässigen oder einen ironischen Erzähler oder, wie in «Lesen verboten», einen «Brummler», der sich über alles beklagt und sich selbst bemitleidet. Es ist mir bewusst, dass eine solche Art des Erzählens naive Leser verwirrt. Besonders jene, die sich wünschen, dass der Autor die Wahrheit und nichts als die Wahrheit schreibt. Aber ich sehe lieber etwas konfuse Leser als solche, die mir zu Füssen liegen. Die Postmoderne endete mit der Massennutzung der Computertechnologie, insbesondere des Internets, aber niemand nahm Notiz von ihrem Sterben. Niemand bemerkte dieses Detail, denn unser Leben ist heute von Schnelligkeit geprägt, und diese ist viel ausgeprägter als unsere Fähigkeit zu verstehen. Unser Zeitgefühl ist durch die immense Geschwindigkeit des heutigen Alltags betäubt. Wir haben die Verbindung zu unserer Vergangenheit verloren, leben nur noch in der Gegenwart, fasziniert und hypnotisiert von den Spielzeugen, die uns die neuen Technologien schufen.

Die Prognose:

Im Zeitalter des Computers verschwindet die Gutenberg-Galaxie nach und nach, denn wir bewegen uns in Richtung einer digitalen Galaxie. Dennoch glaube ich nicht, dass Bücher als solche dem Untergang geweiht sind – Lesen ist für mich etwas Persönliches. Ich bin daher kein Fan der «Festivalisierung» der Literatur. Doch ist es schon so: Literaturtheorie wird zusehends von Literaturmarketing abgelöst, kompetente Buchkritiken werden durch Literaturtipps ersetzt. Die seriöse Buchauswahl ist am Verschwinden, stattdessen ist heute alles eine Geschmacksfrage. Der Markt beeinflusst unsere Wahl, bestimmt unsere Vorlieben und etabliert Werte.
[…] Das Internet hat unsere Art des Denkens und auch unsere Sprache verändert. Es ist das demokratischste Feld der Selbstdarstellung, auch was die Literatur angeht. Die Blogger haben heute wahrscheinlich grösseren Einfluss auf den Buchmarkt als Starkritiker. Wikipedia hat auch in Sachen Literatur demokratische Definitionsmacht erlangt. Die Literatur, wie wir sie kennen, wird nach und nach verschwinden. Auch die Bezeichnung «Autor» wird mit der Zeit aussterben. Die Literatur der Zukunft wird wilden, unstrukturierten und dynamischen Stimmen gehören.

Der Schriftsteller und sein Publikum:

Nach dem Hinschied Gottes, wie Nietzsche ihn verkündete, hat das religiöse Denken alle Sphären unseres Lebens und insbesondere die zeitgenössische Massenkultur durchdrungen. Berühmtheiten unserer Zeit wurden in den Himmel gehoben und leben mit Gott, ob er nun tot ist oder nicht. Heute sind Prominente unsere Heiligen. Konfessionelle Produkte, Memoiren oder Autobiografien sind nicht zufällig die derzeit beliebteste Art von Literatur. Will ein Autor erfolgreich sein, muss er Demütigung, Armut und Sünde erlebt haben. Er hat unter einer Krankheit gelitten, war drogen- oder alkoholsüchtig oder kann über ein Nahtod-Erlebnis Auskunft geben. Die Prüfung ist bestanden, und die Harmonie hält Einzug in sein Leben. Paulo Coelho wurde dank seiner religiös aufgeladenen «Tuttifrutti-Prosa» zu einem weltweiten Guru. Die Schuld-Sühne-Formel zieht immer, und manche Schriftsteller unterwerfen sich diesem Muster – bewusst oder unbewusst. Dies ist die alte religiöse Geschichte von Suche, Schmerz und Reinigung. Die Bewunderung der Öffentlichkeit ist der letzte Schritt in diesem Freispruch. Jeder Mensch lechzt nach der Wahrheit und möchte diese anderen erzählen. Unsere Kultur ist ein seltsamer Mix aus religiösen, narzisstischen und exhibitionistischen Elementen. Das führt dazu, dass wir in einer Umgebung leben, wo alle sprechen, aber niemand zuhört, wo alle schreiben, aber niemand liest. Jeder möchte gesehen werden, weswegen immer weniger da sind, die schauen.

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