Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Ein jüdischer Arzt und ein deutscher Aufklärer Sonntag, 22. Juli 2012

Gil Yaron hat kein Problem damit, sich als „jüdischer Arzt“ zu titulieren. Wolfgang Michal hat Angst vor „dem religiös-reaktionären Rollback“. Die Medienlandschaft wird düsterer.

Yaron beichtet seine Probleme mit der Beschneidung der FAZ und der deutschen Leserschaft. Ein guter Jude ist immer willkommen. Er denkt ja so logisch und baut so tolle Entweder-Oder-Schlussfolgerungen:

Für mich, der nach Israel auswanderte und dort unter Juden lebt, ist es leicht sicherzustellen, dass meine Kinder ihr Judentum auch für weitere Generationen bewahren werden. Andernorts ist dies eine gewaltige Herausforderung. Die Versuchungen sind vielfältig, der Assimilationsdruck ist groß. Was ist leichter und andauernder als durch den kleinen, wenig traumatischen Eingriff sicherzustellen, dass mein Sohn sich mehrmals täglich beim Pinkeln seine Wurzel und eine Erinnerung an seine Herkunft vor Augen und in Händen hält?

Doch dieses Argument degradiert Zugehörigkeit zu einem sofort löslichen Begriff, einem Instant-Kniff, der es uns ersparen soll, Liebe zur jüdischen Tradition durch geduldige Erziehung und das Vorangehen mit eigenem Beispiel zu wecken. Den meisten von uns ist es bequemer, beim Fest des Brith Shrimps zu servieren, als den Schabbat einzuhalten.

So einfach, eben entweder – oder. Da im Laufe des Artikels Yaron vom „jüdischen Arzt“ und deutschen Journalisten zum Ratgeber mutiert, sieht er es als seine Aufgabe zu empfehlen:

 Juden sollten die kommenden 15 Jahre in Deutschland nutzen, um sich zu vergegenwärtigen, warum sie ihre Söhne beschneiden: ob sie das wirklich wollen oder nur aus Angst davor tun, anders zu sein.

Genau hier setzt sein Gegenpart bei den Intellektuellen der carta auch Akzente. Michal sagt das nur deutlicher:

So mag das unveränderliche Merkmal des Beschnittenseins die religiöse Identität eines tapferen Volkes gewahrt haben, doch dieses Ritual war auch immer eine zwanghafte xenophobe Abwehrmaßnahme gegen die „Vermischung“ mit allem Fremden.

Er weiß alles über jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland und kann sowohl Volker Beck als auch Heribert Prantl belehren:

Beck begründet sein Eintreten für die Beschneidung – ebenso wie Prantl – damit, dass jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland weiterhin möglich bleiben müsse. Beide tun gerade so, als sei jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland ohne das Ritual der Kinder-Beschneidung unmöglich.

Warum nur muss ich an dieser Stelle Christian Bommarius zitieren:

Die erregte Debatte um das Recht oder Unrecht der Beschneidung hat Interessantes zutage gefördert: Rund die Hälfte der Deutschen ist davon überzeugt, dass Muslime und Juden ihre männliche Nachkommenschaft vorsätzlich genital verkrüppeln, im zarten (Muslime-) oder zartesten (Juden-) Alter in einem blutigen Akt der Barbarei die Körper der männlichen Jugend irreversibel verletzen und die sexuelle Identität beschädigen.

Das Entsetzen, das dieses archaische Gemetzel in den sanften Gemütern der aufgebrachten Deutschen hervorruft, ist derart gewaltig, Abscheu und Empörung über das im Namen einer Religion begangene Verbrechen sind derart überwältigend, dass die Selbstdisziplin nur zu bewundern ist, mit der die Hälfte der Deutschen jahrzehntelang Entsetzen, Abscheu und Empörung für sich behalten, still gelitten und duldsam geschwiegen hat, bis sie endlich in diesem Sommer ein Urteil der 1. Kleinen Strafkammer des Landgerichts Köln aus ihrer stummen Qual erlöste und – in diesem Falle sehr zu Recht – „im Namen des Volkes“ die Beschneidung als rechtswidrige Körperverletzung (vulgo: religiöse Barbarei) in den juristischen Orkus schickte. Seit Generationen hatten Millionen Deutschen offenbar aus ihren Herzen eine Mördergrube gemacht. Jetzt haben sie die Grube geöffnet. Was ein Urteil in Deutschland nicht alles vermag.

Und Dirk Pilz auch:

Die Beschneidungsdebatte zeigt dies wieder einmal: Sie ist ein Kampf unter fundamentalistischen Ahnungslosen, weil es lediglich darum geht,  die verschiedenen, zu bloßen Götzen gewordenen Götter gegeneinander auszuspielen. Vernunft gegen Gott, Recht gegen Ritus.  Bedrohlich für eine demokratische Gesellschaft ist dieser Glaubenskampf, weil sich weder mit Ahnungslosen noch mit Fundamentalisten streiten lässt: Sie haben keine Argumente, sondern nur Meinungen.

Die Dämmerung der Aufklärung ist das, und keine Dialektik…

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2 Responses to “Ein jüdischer Arzt und ein deutscher Aufklärer”

  1. […] Gestern kam in der FAZ eine Offenbarung eines “jüdischen Arztes” zur Bewunderung freigegeben (die britische Telegraph druckte […]

  2. […] von der Osten-Sacken widerspricht dem Unfug nicht. Dagegen bekommt er voll die Angst, wenn er Dirk Pilz, Patrick Bahners liest und über die Umwege mitkriegt, dass auch noch Matthias Matussek jetzt dazu […]


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