Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

Beschneidung ohne Ende Montag, 23. Juli 2012

Die mediale Landschaft wie die Blogosphäre Deutschlands können sich nicht beruhigen. Gestern kam in der FAZ eine Offenbarung eines „jüdischen Arztes“ zur Bewunderung freigegeben (die britische Telegraph druckte einen Zwillingsbruder dieses Textes, schon wieder mit einem guten Juden als Autor, der diesmal Jake Wallis Simons heißt und sich genauso nicht schämt wie Gil Yaron, dieser wie jener wissen einfach nicht, worüber sie schreiben). Heute beschäftigt sich die FAZ mit demselben Thema in noch zwei Texten. Stefan Schulz beweist seine Belesenheit folgendermaßen:

Nur gesunde Körper werden verletzt.

Patrick Bahners ist zu größeren geistigen Leistungen fähig. Er philosophiert ganz ordentlich, mit für ihn typischen Sprengfallen und Sprüngen:

Es geht um menschenrechtliche Normalität. Der Verweis auf das Verbot der Holocaustleugnung und die von der Bundeskanzlerin zum Element der Staatsräson erklärte Freundschaft mit Israel führt in die Irre. Die Gründe für das schnelle Handeln mit dem Ziel einer Klarstellung des Gesetzgebers fallen nicht zusammen mit den Gründen für das Gesetz.

Sollte die historisch gebotene Rücksichtnahme Deutschlands auf die Juden der Grund für die Verneinung der Strafbarkeit abgeben, wäre die Hinnahme der Beschneidung als Ausnahme charakterisiert. Und damit wäre den Antisemiten Recht gegeben, die die Parole verbreiten, vor dem aufgeklärten Bewusstsein seien die Riten der Juden nicht zu entschuldigen. Der Professor, der Putzke in dessen Assistententagen auf das Beschneidungsthema ansetzte, war durch die Lektüre Necla Keleks darauf gekommen. Wie in der Islamkritik bricht in der Beschneidungsdebatte ein rabiat religionsfeindlicher Zeitgeist durch, der im Internet zu sich gekommen ist. Durch die Meinungsforen wälzt sich eine Flutwelle der Zustimmung zum Urteil aus Köln. Ein bewundernswertes Gespür für die kommunikativen Anforderungen der heiklen Lage, in der sich die deutsche Politik deshalb befindet, spricht aus dem vor ein paar Tagen kolportierten Wort Angela Merkels, Deutschland dürfe nicht zur Komikernation werden: unschlagbar knapp und trocken, wie das „nicht hilfreich“ zur Entzauberung Sarrazins.

Der Sarkasmus der Kanzlerin ist eine Übung des Takts. Ihre drastische Warnung lenkt ab von der wahren Gefahr: Ein deutscher Sonderweg des Beschneidungsverbots müsste in der Welt als Ausdruck eines humanistisch legitimierten Antisemitismus aus schlechtem Gewissen verstanden werden, wie er in den Enthusiasmus für die Sache der Palästinenser eingeht. Wenn es so nicht gemeint gewesen sein soll, dann nimmt man den Mangel an Urteilskraft im Kölner Urteil lieber als grotesken Fauxpas, als Rechenfehler von astronomischem Ausmaß.

Er macht Putzke fertig (deswegen heißt der Artikel „Ein Rechenfehler“):

Im Kleingedruckten eines Artikels in der „Neuen Juristischen Wochenschrift“ ging Putzke nebenbei auf das Gesetz über die religiöse Kindererziehung aus dem Jahr 1921 ein. „Zur damaligen Zeit“, schrieb er, „setzte sich die Bevölkerung mehrheitlich aus Protestanten und Katholiken zusammen. Andere Bekenntnisse spielten in der Lebenswirklichkeit genau genommen keine Rolle.“ Genau genommen! Die ungeheuerliche Gedankenlosigkeit dieses Satzes ist charakteristisch für das unhistorische Denken hinter der Kampagne gegen die Knabenbeschneidung. Putzke projiziert das Ergebnis von Hitlers Vernichtungspolitik zurück auf die Weimarer Republik und bürgert die Juden aus dem nationalen Gedächtnis aus.

Er vergisst aber, wie wir soeben sahen, auch sein Lieblingsthema – die Religionsfeindlichkeit – nicht und macht sich nebenbei lustig über die (nicht vorhandene) „menschenrechtliche Normalität“ für die Juden und für Israel. Am Ende steht Gil Yaron ganz blaß im Schatten von Patrick Bahners, der auf die Gefahren „eines humanistisch legitimierten Antisemitismus aus schlechtem Gewissen“ hinweist. Fronten bewegen sich, wie auch im Fall von Christian Bommarius, der auf einmal den Antisemitismus auch entdeckte.

Viel bescheidener aber sinnvoller geht das Thema Harald Martenstein an:

Nichts, kein Terroranschlag, kein Euro, kein Hunger und kein Krieg, erregt die Deutschen so sehr wie die Vorhaut. Das Volk sagt mehrheitlich: „Na, endlich! Schluss mit der Barbarei!“ Ich habe etwa 500 Volksmeinungen gelesen. Nicht die Mehrheit, aber ein beachtlicher Teil davon ist antisemitisch. Das macht mir mehr Angst als jedes Chirurgenmesser.

In den Kommentaren dazu meldet sich zu Wort ein sympatischer junger Mann, hier mit dem Nicknamen Sebush (eigentlich Sebastian Horndasch), der ehrlich und glaubwürdig seine Lebenserfahrungen mit der jüdischen Community im Blog „Neon“ beschreibt, im guten Ton und mit Verständnis. Fast schon eine Ausnahme in diesen Tagen.

… die Beschneidung der männlichen Vorhaut ist – warum auch immer – ein extrem wichtiger Bestandteil dieser Identität. Der Gedanke, seinen Sohn nicht nach acht Tagen beschneiden lassen zu dürfen, ist eine tiefe seelische Verletzung für alle Juden. Wird der Junge nicht beschnitten, wird seine Identität und die seiner Familie beschnitten.

Klare Worte findet für die bescheuerte Debatte letzter Wochen auch Sina Hawk, eine schreibende Leipzigerin:

Ich bin vollkommen begeistert von dieser Debatte und finde, kommende Generationen sollten auf diesen Schwachsinn hinab sehen und ihn sich als Anekdote erzählen aus einer Zeit, in der jeder meinte, sich überall einmischen zu müssen.

Sehr empört ist zum Beispiel auch „Der Lindwurm“ (Bernhard Torsch aus Kärnten):

Die Beschneidungsdebatte ist, so wie sie geführt wird, natürlich eine antisemitische und antimuslimische. Wenn ausgerechnet ein deutsches Gericht ein Urteil fällt, dass sich massiv negativ auf einen konstituierenden Teil jüdischer Religion, jüdischer Tradition und jüdischer Identität auswirkt, wenn die Nazis darüber jubeln und den Juden bereits eine “gute Heimreise” wünschen und die Hälfte der Deutschen laut Umfragen ganz ähnlich denkt, dann muss doch auch der Dümmste begreifen, dass es hier natürlich nicht um das Selbstbestimmungsrecht von Kindern geht, um Sinn oder Unsinn der Beschneidung, sondern allein darum, den Juden als Barbaren zu verleumden, der böswillig seine eigenen Söhne verstümmelt, während man sich selbst als ganz doll aufgeklärten Humanisten imaginiert, der mit dem Gestus des Kolonialherren angewidert die Bräuche der Primitiven anprangert.

Im Vergleich dazu wirkt auffallend, dass die jüngeren Jünger Broders vollkommen verwirrt sind. So „Aron Sperber„, so auch „Die Menschenrechtsfundamentalisten„. Sie sehen sich jetzt herausgefordert, sich zwischen den Positionen von Broder und Kelek zu entscheiden, und merken nicht, dass es hier keine Entweder-Oder-Frage ist.

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10 Responses to “Beschneidung ohne Ende”

  1. Thilo Says:

    Die Wahrheit ist selten kompliziert, lautet ein kluger Satz.
    Die Befürworter der seltsamen Beschneidung brauchen immer sehr viele Worte und unzählige Vergleiche, bis sie die Leute besoffen und betroffen geschwätzt haben.
    Das gibt zu denken.

  2. Sie schreiben: „Sie sehen sich jetzt herausgefordert, sich zwischen den Positionen von Broder und Kelek zu entscheiden, und merken nicht, dass es hier keine Entweder-Oder-Frage ist.“

    Das ist mitnichten so. Wenn Sie meinen Artikel auf dem MRF-Blog aufmerksam gelesen hätten, hätten Sie gemerkt, dass ich mich wesentlich differenzierter und nachdenklicher geäußert habe, als Sie es gerade darstellen.

  3. Yael Says:

    [@ Thilo]
    „Die Befürworter der seltsamen Beschneidung brauchen immer sehr viele Worte und unzählige Vergleiche, bis sie die Leute besoffen und betroffen geschwätzt haben.“

    Das Kompliment gebe ich gern an die Religionshasser weiter.

    Was hier momentan an Hysterie abgeht, so dass man schon denken könnte, Deutschland wäre ohne die jüdische und muslimische Vorhaut nicht denkbar, gibt in der Tat zu denken. Über euch!

  4. peet Says:

    @ Thomas Baader
    In dem hier verlinkten Artikel gibt es kaum differenzierte oder nachdenkliche Äußerungen, es gibt dort nur Zitaten, die einander widersprechen, was nur als Lektüreempfehlung verstanden werden kann. In einem früheren von Dir ja. Ich zitiere Dich (Link):

    Kommen wir jetzt zu den falschen Argumenten: Wenn Vertreter religiöser Gemeinschaften eine Argumentation vertreten im Sinne von „Das ist eine Jahrtausende alte Tradition, und jetzt kommt der junge deutsche Staat daher und will sie einfach so verbieten!“, dann erweisen sie ihrer Sache einen Bärendienst. Es ist völlig unerheblich, ob eine Tradition Jahrtausende alt ist, und auch wenn sie religiöser Natur ist, muss stets ein angemessener Abwägungsprozess stattfinden.

    Woher weißt Du, dass es falsche Argumente sind? Warum sind Jahrtausende für Dich unerheblich? Warum diskriminierst Du die Religiösen? (Sie müssen angemessen abwägen, deren Gegner offensichtlich nicht.) Das klingt für mich wenig differenziert und macht mich wenig nachdenklich. Deine Sprache ist hier die der fundamentalistisch verstandenen Menschenrechte, auch wenn es Dich bestimmt wundert.
    Genauso undifferenziert ist es, wenn Putzke als „ein sehr sachlicher Jurist“ (Link) eingeführt wird.
    Genauso einseitig ist die einbetonierte Feststellung über die Diskussion bei der „Achse der Guten“: „Aber eine wirklich nachdenkliche und abwägende Betrachtung ist nur David Harnasch gelungen.“ (Link) Drin ist auch der abschließende Satz ganz und gar nicht nachdenklich: „Und selbst wenn der Gegner wirklich falsch inhaltlich liegen sollte – man kann ihm trotzdem zubilligen, aus echter Besorgnis heraus zu handeln.“ Diese Besorgnis riecht bzw. stinkt nach vox populi.

  5. @ peet:
    Der von dir zitierte Artikel ist der, den ich meine. Das andere ist kein Artikel von mir, sondern eine unkommentiert zusammengestellte Zitatesammlung.

    Ich halte meinen Artikel allein schon deshalb für differenziert, weil ich seinetwegen Kritik von Befürwortern der Beschneidung gekriegt habe (nämlich von dir) UND von Gegnern der Beschneidung (sieh mal in den Kommentarbereich unter den Artikel). Wenn ich von beiden Seiten was abkriege, dann habe ich wohl kaum einseitig geschrieben.

    Zu deiner Frage: Ich gebe gerne zu, dass es für mich völlig banane ist, ob ein Brauch Jahrtausende alt ist oder nicht. Es ist völlig unerheblich. Kann gar nicht anders sein. Denn ob etwas Jahrtausende alt ist oder nicht sagt nichts darüber aus, ob es gut oder schlecht ist. Ich könnte jetzt eine Reihe von Grausamkeiten aufzählen, die vermutlich seit Jahrtausenden praktiziert werden, spare mir das aber an dieser Stelle. Das „Argument“ ist es noch nicht einmal wert, dass man darüber nachdenkt. Es ist ein zutiefst fundamentalistisches Argument, mit dem man ALLES begründen könnte.

    Im Moment läuft mit in dieser Debatte zu viel reflexhaft ab. Auch dein Kommentar zum Beispiel. Durch Unterstellungen wirst du nie zu einer rationalen und reifen Debatte gelangen.

  6. peet Says:

    @ Thomas

    Ich glaube, wir reden aneinander vorbei. Ich verlinke den einen Artikel, Du beziehst Dich auf einen anderen und überlässt es mir, das herauszubekommen. Ich bewerte die Auswahl der Zitate in Deinem Blog und werfe Dir und Deinen Kollegen die Entweder-Oder-Denkweise vor, Du verneinst das, ohne Beispiele oder Beweise einzubringen. Ich zeige mit Zitaten aus Deinem Blog, wie wenig differenziert und nachdenklich ihr wirkt, Du verneinst das mit dem Argument ad hominem. Ich frage Dich, warum Dir die jahrtausendalte Geschichte unerheblich ist, Du beantwortest eine andere Frage, die ich nicht gestellt habe. Die Frage „Warum“ hast Du als ein „zutiefst fundamentalistisches Argument“ gelesen. Du bist in meinen Augen nicht bereit nachzudenken. Zwei andere Fragen übergehst Du, andere Beispiele genauso. Ich komme erst von der Kritik zur Unterstellung und bin mir nicht sicher, ob Du es verstehst, um was es hier geht. Eine rationale und reife Debatte sieht wahrlich anders aus.

  7. Die Auswahl der Zitate in meinem Blog diente dazu zu belegen, dass es momentan eine scharfe Kritik an der Achse des Guten gibt von Schreibern, die der Achse des Guten nahestehen. Das war das Thema der Link-Sammlung, und unter diesem Gesichtspunkt ist die Zusammenstellung logisch.

    Die Zitate, die du aus meinem Artikel hier anführst, sind von dir sehr einseitig ausgewählt. Das Abwägende und Nachdenkliche erschließt sich nicht, weil du sehr selektiv vorgehst. Der Artikel war im Stil einer dialektischen Erörterung geschrieben, d. h. er enthielt Pro und Kontra. Du zitierst nur die eine Seite, lässt die andere weg und behauptest dann, das sei nicht differenziert. Sorry, aber das ist ein billiger Taschenspielertrick.

    Wenn ich von einem Artikel, der zwei verschiedene Perspektiven beleuchtet, nur Zitate bringe, die sich auf Perspektive A beziehen und alles, was mit Perspektive B zu tun hat, weglasse, dann entsteht natürlich der Eindruck von Einseitigkeit. Bloß handelt es sich dann aber im Grunde nicht mehr um meinen Artikel, der da diskutiert sondern um eine dreiste Fälschung deinerseits. Dieses Vorgehen ist einfach unredlich.

    Vorhin hat mich Serap Cileli in einer Email zu diesem Artikel beglückwünscht. Ich fühle mich in bester Gesellschaft, vielen Dank.

  8. peet Says:

    @ Thomas

    Danke für die Bestätigung: Wir reden offensichtlich aneinander vorbei, und vermutlich ist es auch nicht Deine Absicht, verstehen zu wollen.
    Du teilst die Empörung über die Position von H.Stein und H.Broder in deren Beiträgen bei Achse und bestätigst das noch einmal, mir war es wichtig, dies zu belegen, meine Interpretation entgeht Dir.
    Meine für Dich „einseitige“ Auswahl aus Deinem Blog in dieser unseren Debatte bezog sich nur auf die für Dich „falschen“ Argumente für die Beschneidung, die Du undifferenziert und ohne nachzudenken ablehnst. Deine Darstellung der Gegenseite interessiert mich nicht, denn Du legst Dich fest, durch die Sprache Deiner Bewertung. Aber genug Wiederholungen, die Zitate und Links zu Deinen Texten sind da. Ich analysiere ein anderes Thema, bei dem Du nicht mitmachen kannst.
    Am Ende bist Du glücklich, dass Du beim anderen Thema bist. Ich habe kein Problem damit. Ich rede von der jüdischen Tradition, Du bist bei dem Dialog mit der türkischen. Das ist genau das, was Putzke und seine Richter wollen. Weiter so! Genug darüber, OK?

  9. […] antisemitische Duktus seiner rhetorischen Übungen ist sogar Patrick Bahners aufgefallen. Das soll etwas heißen! […]

  10. […] Osten-Sacken widerspricht dem Unfug nicht. Dagegen bekommt er voll die Angst, wenn er Dirk Pilz, Patrick Bahners liest und über die Umwege mitkriegt, dass auch noch Matthias Matussek jetzt dazu kommt. Er sieht […]


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